Druckschrift 
Lebensbilder / von W.A. Lindau
Entstehung
Einzelbild herunterladen

29 Nie laſſ' ich ſie, ich hab' den Muth, Und ſollt' ich drum verderben. Ich dien' ihr all mein Lebelang, Weiß ſie's auch nie mir Dank.

Er ſang das Lied mit ſo tiefem Gefühle, daß Margaretha ſich überzeugt haben würde, dieſe Töne der Empfindung wären nur aus einem warmen Jünglingsherzen gekommen, wenn nicht des Sän⸗ gers graue Locken und die tiefen Runzeln ſeines Ge⸗ ſichts ihr geſagt hätten, daß nur das Erwachen ſü⸗ ßer Erinnerungen ſeiner Stimme dieſe Laute des Gefühls geben konnte. Die Worte ſeines Geſanges, die immer in ihrer Seele nachklagen, erhöhten ihre Schwermuth, und ehe der Sänger, als der Tanz anhob, Abſchied nahm, mußte er, auf einen Wink ihrer treuen Zofe, das Lied noch ein Mahl ſingen.

Als Margaretha den Tanz eröffnet hatte, wußte ſie ſich durch einen ſcheinbaren Vorwand gegen fer⸗ nere Einladungen zu ſchützen. Während der Graf mit ihrer Stiefmutter tanzte, lockte das milde Abendlüftchen, das mit dem Dufte blühender Bäu⸗ me beladen aus dem Garten in das offene Fenſter wehre, ſie hinaus⸗ Unbemerkt ging ſie durch das Seitenzimmer, aus welchem eine Thüre in den Garten führte. Es war der erſte ſchöne Frühlings⸗ abend. Zwiſchen den Bäumen hingen Lampen und hier und da an günſtigen Stellen waren Pechfeuer angebracht, deren hochlodernde Flammen einen

8