Druckschrift 
Lebensbilder / von W.A. Lindau
Entstehung
Einzelbild herunterladen

34

ins Kloſter ginge. Ich habe meinen den erſten Schwur gebrochen, den ich dem Schatten meines erſten Geliebten gegeben, darum kann mir Gott kein Glück mehr verleihen... O nur morgen noch nicht, nur morgen nicht! ſetzte Margaretha nach ei⸗ ner Pauſe hinzu.

Der Graf beſchwur ſie, ihm zu entdecken, was ſie in ſolche Bekümmerniß verſetzt habe. Was hätte ſie ſagen können? Wußte ſie doch nicht zu deu⸗ ten, was ſie ahnete, was ſie bewegte. Aber je mehr der Graf mit liebevoller Beſorgniß in ſie drang, deſto ſichtbarer ward ihre Bewegung. Ihr Vater kam hinzu. Seine erſten Worte beſtätigten, was der Graf ihr ſchon geſagt hatte, und Margaretha ſah, daß ſie es nicht wagen durfte, den Wunſch, die Hochzeit aufzuſchieben, vor dem Vater, dem Manne von unerſchütterlichem Entſchluſſe, noch ein Mahl zu verrathen.

Margaretha brachte die Nacht in banger Un⸗ ruhe zu, und wenn ſie zuweilen in Schlummer ſank, ängſtigten Träume ihre bewegte Seele. Bald ſah ſie ihren unglücklichen Geliebten, mit Wunden bedeckt, unter einem Haufen wilder Krieger das brechende Auge ſchließen, bald in Sclavenkleidern, mit Feſſeln beladen, auf der Ruderbank eines Schif⸗ fes, bald erſchien ihr die theure Geſtalt im friſchen Neitze jugendlicher Kraft, inmitten einer luſtig ge⸗ ſchmückten Stechbahn, wo er, von den ſchönſten Frauen freundlich begrüßt, auf ſeinem ſtolzen Kampf⸗

8