Druckschrift 
Lebensbilder / von W.A. Lindau
Entstehung
Einzelbild herunterladen

29 in ihrem Herzen bildete, welche, auf Hochachtung und freundſchaftliche Zuneigung gegründet, der Liebe ähnlich war. Der Graf, bekannt mit der Geſchichte ihrer erſten unglücklichen Liebe, ehrte gern mit ihr das Andenken ihres Jugendfreundes, ſo oft er das Bild des edlen Mannes in ihrem Herzen ſah; doch gewannen ſeine ſanften Worte immer mehr lindernde und heilende Kraft, wenn er ihr ſagte, der Geiſt des geliebten Todten ſelbſt würde ihr zurufen, daß die friſchen Blumen eines neuen Lebensglückes gar wohl den Buſen ſchmücken könnten, wo lange nur ein Strauß von Nosmarin und Cypreſſen getrauert hätte.

Ungefähr ſeit einem halben Jahre hatte Mar⸗ garetha ſich an den Gedanken gewöhnt, dem Wil⸗ len ihres Vaters zu gehorchen und noch einmahl einem Manne das Wort der Treue gegeben. Ihre Vermählung mit dem Grafen ſollte in der glänzen⸗ den Zeit gefeyert werden, wo die Verſammlung des ſchwäbiſchen Bundes*) den Kaiſer mit vielen Fürſten und Herren nach Augsburg geführt hatte. Das Bild ihres erſten Geliebten war nicht aus ih⸗ rer Seele verdrängt, aber in den Hintergrund zu⸗ rück getreten; ſie dachte nicht mehr mit ſchmerzli⸗ cher Wehmuth, ſondern wie man einem verſchwun⸗ denen Traume nachblickt, an das verlorne Glück, ia zuweilen ſchien der Gedanke ſogar ſtörend zu