272
Der entſcheidende Augenblick meines Lebens war da und ich befand mich am Thore des Hotels Grammont. Ein Diener, der auf meine Aukunft wartete„führte mich in einen Salon mit der Bemerkung, die Gräfin werde in wenigen Augenblicken erſcheinen.
Welch ängſtliche Pauſe war das. Ich verſuchte mich ſelbſt mit den Gegenſtänden umher zu beſchäftigen und meine Aufmerkſamkeit von der nahen Begegnung abzuwen⸗ den; allein jeder Ton ſchreckte mich auf und ich wendete mich jeden Augenblick nach der Thüre, durch die ich ihren Eintritt erwartete.
Die Zeit ſchien nicht verfließen zu wollen; Minu⸗ ten wurden zu Stunden und noch erſchien Niemand. Meine Ungeduld hatte ihren Gipfel erſtiegen, als ich eine leiſe ſanfte Stimme meinen Namen ſprechen hörte. Ich kehrte mich um und ſie ſtand vor mir.
Sie war in tiefe Trauer gekleidet und ſah bleicher, vielleicht ſchmächtiger aus, als ich ſie je geſehen— aber nicht minder ſchon. Entweder durch ihre eigenen Empfin⸗ dungen in dieſem Augenblick dazu veranlaßt oder durch mein unbewußtes Anſtarren in Verlegenheit gebracht, er⸗ röthete ſie tief, als ſich unſere Blicke begegneten.
„Ich war im Begriffe Frankreich zu verlaſſen, Oberſt,“ ſagte ſie, nachdem wir Platz genommen hatten,„als ich von meinem Vetter de Beauvais hörte, daß Sie hier ſeien und meine Abreiſe verſchob, um Gelegenheit zu erhalten, Sie zu ſehen.“
Sie hielt hier inne und holte tief Athem um fortzu⸗ fahren; den Kopf auf die Hand ſtützend, ſchien ſie aber
einige Minuten lang in Träumerei verſunken zu ſein, als ſie plötzlich auffuhr und ſagte: „Se. königliche Hoheit hat Ihnen, wenn ich nicht irre, Ihren Rang im Dienſt angeboten.“ „Ja, Madame; mein Freund Beauvais hat mich da⸗ von beneheſchtigt.“ „Und Sie haben abgelehnt, nicht wahr?⸗


