ie
n
485
Mag die Welt auch ſelbſt in Trümmer gehen, Wird er furchtlos auf dem Schutte ſtehen!
Auch Meliſſa war der Gegenſtand allgemeiner rührender Auf merkſamkeit und Theilnahme, namentlich drängten ſich Weiber und Dirnen mit Gaben und Geſchenken, mit Troſtworten, ja mit Thrä⸗ nen in den Augen um das trübe Kindeskind des auch in Montenegro bekannten und gefürchteten Flüſterers. Man wußte ja um das trau⸗ rige Geſchick der trotz ihrer geiſterhaften Bläſſe noch immer anmu⸗ thigen Kleinen.
„So wahr mein Bruder lebe!“
Alſo lautet ja der heiligſte Schwur einer Serbin, einer Tochter der ſüdſlaviſchen Race. Daher flüſterte man ſich auch überall, wo die verlaſſene Schweſter, die weinende Braut, die trauernde Waiſe vorüberſchritt, ſich leiſe und mitleidig in die Ohren:
„So ſchön, ſo jung und doch ſo unglücklich!“
Niemand wunderte ſich übrigens, die Kleine ganz allein in der Geſellſchaft wild blickender Krieger reiſen zu ſehen. Unverletzbarkeit der Weiber iſt ja in Montenegro altherkömmlicher Brauch, heilig gehaltene Sitte. Man weiß von einem deutſchen Maler, der blos im Schutze eines alten Weibes ſehr weite Streifereien zwiſchen den ſchwarzen Bergen unternahm. Es iſt dies oft ſogar beſſer als ein Geleitsſchein, von der Hand des Wladika geſchrieben, denn dieſer kann den Reiſenden doch nicht vor jedem Raubanfall, vor jeder Handlung der Rache ſchützen. Die Weiber aber gehen bei den Mon⸗ tenegrinern immer frei aus und ein. Niemand beleidigt ſie. Thäte dies jemand, ſo würde er ſich die grimmigſte Rache ihrer Angehö⸗ rigen auf den Hals ziehen, und nebſtbei ſich der allgemeinen Ver⸗ achtung ausſetzen. Ein Weib gar zu tödten, iſt die ſchmachvollſte Handlung für einen Mann. Nur wenn es ſein eigenes Weib war, wenn er es für eine Untreue ſtrafen wollte, wird es ihm verziehen, ja dann allerdings ſehr leicht und ohne Weiteres. Auch ſogar zu den Türken bis nach Scutari hinab gehen die Weiber der Monte⸗ negriner ganz ungefährdet. Eben ſo können die türkiſchen Töchter Eva's ohne Furcht nach Cſernagora kommen. Die Bergbewohner ſchneiden bei ihren Cſeten auch nie Weiberköpfe ab, noch liefern ſie deren nach Cetinje hinauf. Mädchenraub war nur in Serbien und zwar unter türkiſcher Herrſchaft ein eben nicht ſeltener Fall. Als daher ein böswilliger Spötter, als Meliſſa an ihm vorüber ging, wie eine Mutter, die ihrer geraubten Tochter wegen mit dem


