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Der Montenegriner oder Christenleiden in der Türkei : Roman / von Heinrich Ritten von Levitschnigg
Entstehung
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Kopfe anzuzünden. Die Ordre des Deſpoten wurde pünktlich be⸗ folgt, und bald ſtanden die Hütten ringsumher in Flammen. Die Nemeſis folgte aber der Miſſethat auf dem Fuße, denn plötzlich kam ein Pandur von der Brücke heraufgeſprengt, mit der Meldung, ein verdächtiger bewaffneter Haufe zeige ſich in der Umgegend. Gleich darauf erſcholl der alte montenegriniſche Schlachtruf und die tür⸗ kiſche Nachhut ſtäubte mit der Schreckensloſungder Vuk, der Vuk! in heilloſer Verwirrung auseinander. Der Rufder Wolf, der Wolf! auf kroatiſch Vuk, auf ungariſch Farkas war auch in Bosnien zum üblichen Fluchtgeſchrei geworden. Dieſes Fluchtgeſchrei ſtammt noch aus dem Feldzuge, den die Ungarn nach Hormayr anno 1099, nach Feßler 1098 nach Rothrußland unter⸗ nahmen, und zwar von dem Tage einer ihrer grimmigſten Nieder⸗ lagen, bei welchem Kampfe der Anführer der Rusniaken das Wolfs⸗ geheul ſo täuſchend nachahmte, daß die wirklichen Wölfe im nahen Walde einſtimmten, und gleichſam als Orakel das Verderben des Feindes weiszuſagen ſchienen. Wie dieſe Schreckensloſung nach Bosnien verpflanzt wurde, wird der geneigte Leſer einige Blätter ſpäter erfahren. Hier wollten wir denſelben nach dem altrömiſchen Wahlſpruche bloß einfach medias in res in die Mitte der damaligen ſüdſlaviſchen Tagesereigniſſe führen. An weiterer Auf⸗ klärung ſoll es wahrlich nicht fehlen.

Vor der Hand wollen wir uns nach der Haupiſadt von Bosnien begeben. Serajevo oder Sarajevo, italieniſch Seraglio, türkiſch Bosna Serai genannt, liegt an der Dinariſchen Bergkette, unweit den Quellen der Bosna, Drina und Narenta, und fußt auf einem erhabenen mit waldigen Bergen umkränzten Plateau an der Migli⸗ azza oder Migliaska, einem Nebenfluſſe der Bosna. Serajevo, eine hochbegünſtigte Stadt, in der ſelbſt dem jeweiligen Paſcha von Bosnien, mit Ausnahme der Zeit revolutionärer Wirren, nur ein dreitägiger Aufenthalt geſtattet iſt, gilt den Bosniaken als Königin aller Städte; ſpricht man mit ihnen von Paris, ſo antworten dieſe Söhne der Wälder mit der Frage, ob das neue Babylon an der Seine auch wirklich Serajevo an Schönheit übertreffe? Es läßt ſich auch nicht läugnen, daß die bosniſche Hauptſtadt dem Reiſenden einen wahrhaft impoſanten Anblick bietet, wenn er ſie, aus den engen Gebirgsſchlünden gelangend, plötzlich in einem weiten Becken oder vielmehr in einem von tauſend ſilbernen Bächleins bewäſſerten Garten entdeckt. Ihre Thürme, ihre verſchiedenfarbigen Minarets