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Der Montenegriner oder Christenleiden in der Türkei : Roman / von Heinrich Ritten von Levitschnigg
Entstehung
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meiſt zu Gunſten der Spahis entſchied, bei zufälligen Straffällen in klingender Münze aber in einer Art vorging, die lebhaft an die Fabel von der Theilung des Löwen erinnerte. Das arme Volk der Rajas ſeufzte über die Sklavenbürde, trug ſie aber geduldiger, als manches Saumthier ſeine ſchwere Laſt dahinſchleppt; nur ein jun ger ſtämmiger Burſche murrte leiſe über das Uebermaß der Noth und ſchmähte weidlich über ſeine Landsleute, deren jeder die Hände müßig in den Schoß lege, bis nicht ſein eigenes Haus in hellen Flammen ſtehe. Sein Blick wurde noch wilder, als ein barfüßiges,

zerlumptes Weib dem Paſcha zu Füßen ſtürzte. Es war die verlaſ⸗

ſene Wittwe ſeines kürzlich verſtorbenen Vatersbruders. Erbarmen! Schonung! Gnade! flehte die Unglückliche. Drei dumme Worte, entgegnete Juſſuw,die in der türki ſchen Sprachlehre kaum zu finden ſein dürften; ſprich übrigens, ich höre, nur mache es kurz, ich bin kein Freund von Weibergeträtſche. Die Aermſte erzählte nunmehr in kurzen rührenden Worten, wie ſie ihr verſtorbener Mann in der äußerſten Noth zurückgelaſſen habe, wie ſie daher den Anbau ihres kleinen Grundſtückes bei ihrer ſchwachen Kraft kaum zu beſorgen, die Koſten fremder Beihilfe aber durchaus nicht zu beſtreiten vermöge. Auch nehme die Pflege ihrer zwei Knaben einen nur zu großen Theil ihrer Zeit in Anſpruch. Der Muſchir lächelte ſataniſch und flüſterte dann einem neben ihm ſtehenden Offizier, der einen goldenen Stern und Halbmond auf

der Bruſt trug, alſo den Rang eines Tüzbaſchi oder Oberlieute⸗

nants bekleidete, leiſe einige Worte in das Ohr, worauf ſich dieſer mit hämiſcher Schadenfreude im Blicke nach der Hütte der Witwe entfernte. Das Weib wollte folgen, Juſſuw hieß die Unglückliche ruhig harren, er werde ſich ihrer erbarmen. Nun trat ein ältlicher Mann vor, der die Kopfſteuer nicht vollſtändig zu entrichten ver⸗ mochte. Dieſe Steuer, Haradſch genannt, wird nur von den Chri⸗ ſten mit fünfzehn Piaſtern unmittelbar von dem Paſcha erhoben. Ein Piaſter gilt etwa ſechs Kreuzer oder zwei Silbergroſchen.

Herr, ſprach der Alte,mir fehlt nur mehr ein Piaſter an der vollen Gebühr, aber ich weiß ihn, auch wenn ich mich auf den Kopf ſtellte, durchaus nicht aufzutreiben. Die vorjährige Ernte iſt be kanntlich halb mißrathen, der Erlös war daher ſehr gering. Auch

ſind die Zeiten ſo theuer, das Geld fliegt davon, man weiß nicht,

wohin es kömmt. In die Pulvermühle! rief ein anderer türkiſcher Offizier.

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