Erſtes Capitel.
Die Roſe von Serajevo.
Unſere Geſchichte beginnt in dem Frühjahre 1843 in einer gäh⸗ renden Zeit, kurz bevor die zur Verzweiflung getriebenen chriſtlichen Bewohner Bosniens nochmals zu den Waffen griffen, um langes Leid durch den Tod oder durch den Sieg zu enden. Schauplatz der erſten Scene iſt ein ärmliches Dorf von etwa dreißig bis vierzig Hütten. Dieſe ſtille Ortſchaft liegt oder lag vielmehr auf einer mählig aufſteigenden Anhöhe in der Mitte eines kleinen Thales, durch deſſen Niederung ſich die Straße von Travnik nach Serajevo hinzieht, wenn anders ein ſchmaler, kaum für Bauernkarren fahr⸗ barer Weg dieſen Namen verdient. Wild und romantiſch war die Gegend, aber ſie gewährte keinen maleriſchen Anblick, denn die Ar muth und Dürftigkeit lagerte zu ſichtbar um jene baufälligen Hüt ten oder Hürden, und die Bewohner derſelben mit ihren bleichen abgemagerten Geſichtern, mit den abgenützten, Flügeln ähnlichen Mützen, in der unſchönen engen, aus ſelbſt erzeugtem Wollenſtoff gefertigten Tracht, mit den nothdürftig an den Füßen haftenden Opanken gaben ein ſo vollſtändiges Bild des Jammers, daß ſich das Auge des Beſchauers unwillkührlich von der triſten Staffage abwendete, und das Herz von einem ſeltſamen Gefühle, halb Mit leid halb Eckel, beſchlichen ward. Auch die Naſe des Touriſten hätte ſich zweifelsohne nach einer Priſe Spaniol geſehnt, denn es erin⸗ nerte durchaus nicht an das berühmte türkiſche Roſenöl, was man in der Nähe der Bosniaken durch den Sinn des Geruches wahr⸗ nahm. Sie waren übrigens Bekenner des Chriſtenthumes, wie das


