unglücklicher Weiſe jedoch vergaß er die arme Gräfin, die er zuruckgelaſſen hatte, die ihre Jugend an den ver⸗ gitterten Fenſtern des alten Schloſſes vertrauerte, Tag für Tag ihre Augen auf den ſchmalen Weg warf, der nach dem Schloſſe führte und wo kein Huftritt mehr er⸗ ſcholl, wie ſonſt, um ihr die Ankunft ihres Herrn zu
verkündigen. Eine ſehr üble Behandlung, das werden
Sie eingeſtehen; und ſo wollen wir mit Ihrer Erlaub⸗ niß der armen Frau ein wenig Geſellſchaft leiſten. Die Frau Gräfin v. Bouvigne wurde, wie dieß bei einigen Wittwen der Fall iſt, in ihrer Verlaſſenheit nur um ſo ſchöner. Ihre reizenden Züge, mit einer zarten Melan⸗ cholie gemiſcht, nahmen, ohne vom Schmerz zu tief an⸗ gegriffen zu werden, einen phantaſtiſchen Charakter an, oder was man oft fälſchlich dafür hält.“
„In der That!“ ſagte ich, das Geſtaͤndniß auf⸗ greifend.
„Nun, ich bin überzeugt, es iſt ſo“ verſetzte ſie. „Bei weitem in den meiſten Fällen wiſſen Sie durch⸗ aus nichts von dem, was in einer weiblichen Seele vorgeht. Das Mädchen, das heute nichts als Leben ſchien, hat vielleicht morgen einen Anſtrich tiefer Nie⸗ dergeſchlagenheit, und übermorgen den einer ungeſtümen Wildheit— einfach darum, weil ſie ihre Locken in Flechten, und ihren Zopf in einen Zuſtand wilder Un⸗ ordnung umgeſchaffen hat. Eine kleine geſchickt ange⸗ brachte Schmeichelei von Ihnen, und Sie können dann alles glauben. Jedenfalls war die Gräfin ſehr hübſch und ſehr einſam.
„In jenen guten Tagen gab es, wenn die Herren das Haus verließen, weder Theater, noch Konzerte, um ihre armen Weiber zu vergnügen; ſie hatten weder Opern noch Bälle, weder Soireen noch Promenaden. Nein; ihr einziger Zeitvertreib war an einem ungeheuren Stücke Landſchaftsſtickerei zu arbeiten, das, in der Kindheit be⸗ gonnen, ein ganzes Leben beſchäftigte, und wovon noch ein beträchtlicher Theil des Hintergrundes und Laubwerks


