Teil eines Werkes 
Bändchen 8-11 (1851)
Entstehung
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Mit welchem Intereſſe pflegte ſie da auch jede auch noch ſo unbedeutende Vorfallenheit ihres täglichen Lebens zu verfolgen: mit welchem Intereſſe folgte ſie da den Arbeiten Nelly's; wie grübelte ſie über die Schwie⸗ rigkeiten nach, welche eine Gruppe darbot, und wie fragte ſie ſich, wie ſie ſelbſt wohl es angreifen würde, um die⸗ ſelben zu überwinden. Mit welch' eifriger Neugierde pflegte ſie da die gewöhnlichſten Einzelheiten über Haus⸗ haltung und dergleichen zu leſen? Und wie hüpfte ihr Herz, wenn ſie von Frank hörte, von Frank, dem Soldaten, obgleich alle Nachrichten nur dahin lauteten, daß er bei ſeinem Regimente wäre, und nur wenig von ihm ſelbſt oder dem Dienſte ſprachen.

Jetzt aber hatte ſich das Entzücken, das ihr früher ein Brief verurſachte, allmählig in ein tiefes Erröthen voller Angſt und Scham verwandelt. Woher und wie die Angſt kam, wußte ſie eigentlich ſelbſt nicht; die Scham aber rührte daher, daß Nelly's Handſchrift auf der Adreſſe wunderlich und altmodiſch ausſah, während Papier und Siegel die allergeringſte Bekanntſchaft mit brieflicher Eleganz verriethen. Den Brief, den ſie mit heftig pochendem Herzen zu nehmen pflegte, ergriff ſie jetzt zwar mit größerem Eifer, aber aus keinem an⸗ dern Grunde, als weil ſie befürchtete, es möchten Andere deſſen vulgäres Aeußere ſehen und bemerken!

Wie ganz anders ſprach ſie auch jetzt der Inhalt des Briefes an: ſo lange ſich derſelbe auf ſie ſelbſt und ihre neueſten Erlebniſſe bezog, las ſie begierig und freudig. Nelly's unſchuldige Verwunderung war ihr ein überaus wonniges Gefühl; die liebevolle Theilnahme der Schweſter an ihrem Glücke war ihr recht angenehm; ſelbſt ihre ſanf⸗ ten Warnungen vor den Fallſtricken eines ſolchen Lebens waren ihr nicht unangenehm; aber welche Veränderung fand in ihrem Gemüthe Statt, ſobald im Briefe von der Heimath die Rede war! Wie düſter und trübſelig wurde das Gemälde, wie armſelig jedes Ereigniß, und jeder