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faſhionablen Perſonen ausnehmen, die ſie umgaben? Sie verſuchte es, ſich mit dem Gedanken zu tröſten, daß ihr Vater das müßige unmännliche Leben verachten würde, das dieſe führten; daß Ellen ſich in verſchämter Sittſam⸗ keit von einer Geſellſchaft zurückgezogen haben würde, deren freier, zügelloſer Ton ihr anſtößig geweſen wäre, und daß Frank keine Kameraden in einer Menſchenklaſſe gefunden haben würde, deren Freuden einzig und allein in Ausſchweifungen beſtänden. Und dennoch konnte alle ihre Caſuiſtik ſie nicht wieder beruhigen. Die Zauber⸗ welt, in der ſie lebte, übte auf ihren Verſtand eine all⸗ bewältigende Macht aus.
Sie erkannte die große Veränderung, die mit ihr vorgegangen war, zum erſten Male, als ſie gewahrte, welch' ganz verſchiedenen Eindruck jetzt ein Brief auf ſie machte, den ſie von Hauſe erhielt. Im Anfange eilte ſie da⸗ mit auf ihr Zimmer und verſchloß die Thüre, um ganz allein bei ihrer theuern Nelly ſein zu koͤnnen,— um ſich ihrer lieben Schweſter ausſchließlich zu widmen,— um wonneerfüllt, um mit Entzücken an jeder Linie, an jedem Worte zu hangen. Da dachte ſie ſich, ſie halte ſie mit ihren Armen umſchloſſen, oder beuge ſich neben der Wange der ſich über ihr Arbeitstiſchchen neigenden Schwe⸗ ſter nieder. Wie rührte ſie da jede kleine Einzelheit, wie vergegenwärtigte ihr da jede Anſpielung die theure Heimath,— das wohnliche Zimmerchen, wenn Abends das helle Feuer in dem Kamine brannte und Nelly die Werkzeuge herbeiholte, womit ſie ihre Figuren modellirte, während Hanſerl eine Stelle, eine Zeile, eine Beſchrei⸗ bung aufſuchte, die Nelly haben wollte;— und wie ver⸗ gegenwärtigte ſie ſich die kleinen, nun folgenden Eroͤr⸗ terungen über die Form irgend einer Waffe, oder den Schnitt eines einer vergangenen Zeit angehörenden Co⸗ ſtüms,— Eroͤrterungen, welche ſo oft durch ihren Vater unterbrochen wurden, deſſen drollige Einfälle ſie laut auflachen machten.
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