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gerne entledigt, und lieber offen und frei mit einander umgeht.
Wie wenig dachte jetzt Sir Marmaduke an all die Eigenthümlichkeiten Sir Archys in Benehmen und Aus⸗ drucksweiſe! Wie ſelten hielt Sybella Kate's Meinungen für wild und überſpannt! Und wie ſchwer hätte es ge⸗ halten, den ſtolzen Garde⸗Ofſizier zu überreden, daß die Geſellſchaft von St. James in Ton oder Eleganz irgend Vorzüge vor den Abenden in der„Lodge“ beſitze.
Die wahren Elemente gegenſeitigen Wohlgefallens waren hier vereinigt. Die Abweichungen in Charakter und Neigung— die großen Verſchiedenheiten des Alters und der Denkweiſe waren dennoch durch die gegenſeitige Würdigung ſolcher Eigenſchaften, die man an ſich ſelbſt vermißte, in Ein harmoniſches Ganze vereinigt. Wenn Kate das einfache, aber hochherzige engliſche Mädchen bewunderte, deſſen Gedanken ſelten irrig waren, außer wenn es Andern höhere und reinere Motive, als in der Welt gewöhnlich, unterſchob, ſo blickte Sybella mit be⸗ geiſtertem Entzücken empor zu den ſchimmernden Ta⸗ lenten ihrer iriſchen Freundin;— die warme, edle Glut ihrer Einbildungskraft— die leuchtenden Blitze ihres Witzes— ihre zungenfertige Beredſamkeit, und was viel⸗ leicht nicht das geringſte war, die Unerſchrockenheit und Furchtloſigkeit ihres Weſens, flößten ihr beinahe ein Gefühl von Ehrfurcht ein, das ihre Liebe zu Kate O⸗Donoghue in den Hintergrund drängte, ohne ſie zu ſchwächen.
Es gereicht vielleicht nicht zur Ehre der menſch⸗ lichen Natur; aber wie oft werden unſere Freundſchaften von Selbſtliebe eingegeben? Wie häufig erheben und rühmen wir Eigenſchaften, die den unſrigen gerade ent⸗ gegengeſetzt ſind, nur um das Vergnügen zu genießen, das unſere ſcheinbare Unparteilichkeit uns gewährt? Wahrlich, Gerechtigkeit muß eine große Tugend ſeyn, wenn ſchon ihr bloßer Schatten fähig iſt, die menſch⸗
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