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Lessing's Emilia Galotti : ein Trauerspiel in fünf Aufzügen
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meinen Sie, Prinz, daß Naphael nicht das größte maleriſche Genie geweſen wäre, wenn er unglückli⸗ cher Weiſe ohne Hände wäre geboren worden? Mei⸗ nen Sie, Prinz?

Prinz(indem er nur eben von dem Bilde wegblickt.) Was ſagen Sie, Conti? Was wollen Sie wiſſen?

Conti. O nichts, nichts! Plauderei! Ihre Seele, merk' ich, war ganz in Ihren Augen. Ich liebe ſolche Seelen, und ſolche Augen.

Prinz(mit einer erzwungenen Kälte.) Alſo, Conti, rechnen Sie doch wirklich Emilia Galotti mit zu den vorzüglichſten Schönheiten unſerer Stadt?

Conti. Alſo? mit? mit zu den vorzüglichſten? und den vorzüglichſten unſrer Staft? Sie ſpot⸗ ten meiner, Prinz. Oder Sie ſahen, die ganze Zeit, eben ſo wenſ als Sie hörten.

Prinz. Lieeber Conti,(die Augen wieder auf das Bild gerichtet) wie darf unſer einer ſeinen Augen trauen? Eigentlich weiß doch nur allein ein Maler von der Schönheit zu urtheilen.

Conti. Und eines jeden Empfindung ſollte erſt auf den Ausſpruch eines Malers warten? Ins Kloſter mit dem, der es von uns lernen will, was ſchön iſt! Aber das muß ich Ihnen doch als Maler ſagen, mein Prinz: eine von den größten Glückſelig⸗ keiten meines Lebens iſt es, daß Emilia Galotti mir geſeſſen. Dieſer Kopf, dieſes Antlitz, dieſe Stirn,

dieſe Augen, dieſe Naſe, dieſer Mund, dieſes Kinn, dieſer Hals, dieſe Bruſt, dieſer Wuchs, dieſer ganze

Bau, ſind, von der Zeit an, mein einziges Studium

der weiblichen Schönheit. Die Schilderei ſelbſt, wo⸗