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Rosa von Tannenburg : eine Geschichte des Alterthums für Aeltern und Kindern /erzählt von dem Verfasser der Genovesa
Entstehung
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vergeht, die einſt in Staub zerfallen wird. Ach mein Gott, wenn ſonſt an dir nichts lobenswuͤrdig waͤre, ſo waͤre ich wohl eine recht ungluͤckliche Mutter! O meine liebe, gute Roſa, trachte doch nach ſolchen Eigenſchaften, die dir wahrhaft zur Ehre gereichen. Die Mutter ordnete ihren Schmuck traurig in das zierliche Schmuckkaͤſtchen.Ach, ſagte ſie, was ſind dieſe Kleinodien gegen ein edles Herz? Dieſe Dinge koͤnnen mich nicht gluͤcklich machen. Wenn man mich einſt zu Grabe tragen wird, ſo bleibt dieſes Kaͤſtchen hier ſtehen. Edle Ge⸗ ſinnungen und Thaten allein ſind die rechten Edelſteine, die in jener Welt noch einen Werth haben.

Mehr als alles aber, was Mathilde ſagen konnte, Roſa gut zu erziehen, wirkte ihr eigenes ſchoͤnes Beiſpiel. Das ganze Betragen der Mutter war gleichſam ein heller, reiner Spiegel, in dem es die Tochter den ganzen Tag vor Augen ſah, wie ſie beſchaffen ſeyn ſollte, und was ſie werden muͤſſe. Die Mutter war ſo beſcheiden, ſo ſanft, ſo ſittſam, daß ihr Benehmen beſtaͤndig eine ſtillſchweigende Lobrede auf dieſe Tugenden war. Sie ſprach nie ruhmredig von ſich ſelbſt. Kei⸗ nen Menſchen ließ ſie ihren Vorzug an Rang, Reichthum und Einſichten eipfinden. Ihr mildes, freundliches Angeſicht ward nie vom Zorn entſtellt. Nie redete ſie Uebels von Anderen; nie kamen tadelſuͤchtige oder tadelnswuͤrdige Worte aus ihrem Munde. Vorzuͤglich aber machten ihre Froͤmmigkeit und Men⸗ ſchenfreundlichkeit auf das Herz der Lochter einen ſolchen Eindruck, daß derſelbe in ihrem ganzen Leben hindurch nicht mehr erloſch.

In der Burg befand ſich eine alterthuͤmliche Kapelle mit farbigt bemalten Fenſtern. Hier kniete die fromme Mutter oͤfter mit einer Ehrerbietigkeit, einer Innigkeit vor dem Altar, daß man es ihr anſah, ſie ſey ganz in Gott verſunken, und daß ihr Angeſicht wie verklaͤrt ward. Die betende Mutter war fuͤr Roſa ein yimmliſcher Anblick, und erhob auch ihr Herz

zum Himmel. Naſa ſah es hier mit Augen und fuͤhlte es tief

im Herzen;Die edelſte und ſeligſte aller Empfindungen ſey die wahre Andacht. Ein ganzes, weitlaͤuſiges Buch haͤtte

gie nicht ſo klar und ſo anſchaulich davon uͤberzeugen koͤnnen.