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Rosa von Tannenburg : eine Geschichte des Alterthums für Aeltern und Kindern /erzählt von dem Verfasser der Genovesa
Entstehung
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9 Weinen vergebens ſeyn wuͤrde, und unterließ es. Die Mutter gab ihr taͤglich kleine Anlaͤſſe, ſie im Gehorſamen, im Ueber⸗ winden ſinnlicher Neigungen zu uͤben. Was die Mutter be⸗ fahl, mußte ſogleich geſchehen; alle andere Beſchaͤftigungen, alle Spiele mußten ſogleich bei Seite gelegt werden. Keine Blume im Garten durfte gepfluͤckt, keine Frucht abgebrochen werden, ehe die Mutter es erlaubte. Allein die Mutter hatte keine Freude an zu vielem Verbieten und Befehlen. Sie haßte das unaufhoͤrliche, oft ſehr uͤberfluͤſſige Meiſtern und Zurechtweiſen an den Kindern, woruͤber dieſe zuletzt nicht mehr wiſſen, wo ihnen der Kopf ſteht.Es ſind nur wenige Gebothe noͤthig, ſagte ſie; dieſe muͤſſen aber genau befolgt werden. Der liebe Gott gab nur zehn Gebote, die Menſchen gut und gluͤcklich zu machen, und waͤren dieſe immer gehalten worden, ſo haͤtte man ſich zehntauſend andere erſparen koͤnnen. Dieſe weiſe Mutter fand auch bald, um die Kinder zum Gehorſam zu ermuntern und vom Ungehorſam abzuſchrecken, ſeyen Belohnungen und Strafen nothwendig.Der liebe Gott, ſagte ſie, macht es mit uns großen Kindern ja auch ſo. Es war der Mutter eine Freude, ihrer geliebten Roſa von den ſchoͤnſten Fruͤchten des Gartens reichlich mitzutheilen. Allein Roſa mußte ſie verdienen. Die Mutter ſprach zum Beiſpiele:Wenn du die Reime, die ich dir vorſagen werde, ohne Fehler auswendig vorſagen kannſt, ſo bekomniſt du dieſe ſchoͤne Kirſchen! Oder ſie ſagte ein anderes Mal:Wenn du das, was ich dir zum Stricken aufgeben, recht macheſt und damit fertig biſt, ſo gebe ich dir jene Traube. Roſa hatte die Aufgabe bald zu Stande gebracht, und ihre Freude war nun groͤßer, als wenn ſie die Fruͤchte ohne ihr Verdienſt er⸗ haiten haͤtte. Wenn Roſa einen Fehler gemacht hatte, ſo durfte ſie nicht mit der Mutter in den Garten. Diesß war Strafe genug. Und bald brauchte es auch dieſes nicht mehr. Wenn die Mutter mit ernſtem Blicke ſagte:Das haͤtte ich von dir nicht geglaubt! Betruͤbe mich doch nicht! ſo hatte Roſa keine Ruhe mehr, bis die geliebte Mutter wieder laͤchelte.

Die treffliche Mutter, die man nie muͤſſig ſah, hielt ſehr darauf, ihre Tochter immer zu beſchaͤftigen. Wenn ſie bei