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Rosa von Tannenburg : eine Geschichte des Alterthums für Aeltern und Kindern /erzählt von dem Verfasser der Genovesa
Entstehung
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koͤnnte? Die Mutter nannte allerley, und die erfreute Roſa konnte gar nicht mit ſich einig werden, was ſie waͤhlen ſollte. Jetzt ließ ſich aber eine arme Wittwe melden, der ihre einzige Kuh durch die Seuche daraufgegangen war. Die Mutter rief die Wittwe herein, hoͤrte ſie an und ſagte:Ja, mein Gott, ich habe ſchon ſo vielen Leuten, die das naͤmliche Un⸗ gluͤck hatten, Geld gegeben. Ich werde kaum ſo viel entbeh⸗ ren koͤnnen; ich muß doch noch einiges Wenige für die taͤg⸗ lichen Ausgaben behalten. Sie gieng indeſſen, brachte Geld und zaͤhlte es auf den Tiſch.Mehr kann ich Euch nicht wohl geben, ſprach ſie; allein wenn Ihr noch einen Gold⸗ gulden weiter haͤttet, ſo koͤnntet ihr eine ſchoͤne Kuh kaufen. Da lief Roſa eilends, brachte ihr Goldſtuͤck und legte es zu dem hingezaͤhlten Gelde auf den Tiſch.Ich habe ja ſchon Kleider genug, ſagte ſie; die arme Wittwe hat die Kuh viel noͤthiger, als ich ein neues Kleidungsſtuͤck. Das arme Weib weinte vor Freuden und wollte Roſa's Hand kuͤſſen. Da ſie fort war, umarmte die Mutter ihre Tochter und ſprach:Du haſt dich wohlgehalten, Roſa; dieſes dein thaͤti⸗ ges Mitleid iſt mehr werth, als zehntauſend Goldſtuͤcke, und aller Putz und alle Pracht der Welt.

Die Mutter gewoͤhnte Roſa von deren zarten Kindheit an zu einem freudigen Gehorſam.Denn, ſagte die verſtaͤndige Mutter, der Eigenwille iſt das maͤchtigſte Hinderniß des Gu⸗ ten. Ein Kind muß erſt lernen, ſeinen Willen dem Willen der Aeltern zu unterwerfen; dann wird es ihn um ſo leichter dem Willen Gottes unterwerfen koͤnnen. Denn wenn es den Aeltern, die es ſieht, nicht gehorcht; wie ſollte es Gott ge⸗ horchen, den es nicht ſieht? Die heftigen Neigungen in dem Herzen des Kindes, muͤſſen gemaͤßiget, das Unkraut muß ausgerottet werden, damit die ſchoͤnen Blumen edlerer Em⸗ pfindungen aufbluͤhen koͤnnen. Was daher nicht erlaubt werden konnte, ſchlug die Mutter kurz und beſtimmt ab. Die kleine Roſa ſuchte, wie alle Kinder, anfangs Manches, was

ſie heftig begehrte, mit Bitten und Thraͤnen zu erzwingen. Allein ſie merkte bald, daß einNein der Mutter, ſo viel als taufend Worte gelte; ſie ſah ein, daß alles Bitten und