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Lenardo und Blandine, oder Amandus und Amanda : Der Mündel : Die Blumen : Drey kleine Romane / von August Lafontaine
Entstehung
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Da ſprangen ſie alle von den Pferden, und be⸗ gleiteten in ſtummem Erſtaunen die Heilige, und wo der Zug durchging ertönten die Alphörner, und die Hirten und Hirtinnen und Kinder ſtreuten der frommen Pilgerinn Blumen auf den Weg. So ka⸗

men ſie in Vanel an. Sie ſtiegen hinauf. Ein Theil

der Ritter war vorgeritten, um dem Grafen Em⸗ mas Ankunft zu melden. Emma ging ruhig, als waͤre ſie heut die Kaiſerinn, die hohen Treppen hinan, die großen Thüren des Fürſtenſaales flogen auf. Wehmüthig trat ſie über die Schwelle. Die Töchter der Ritter empfingen ſie, links. vom Throne ſtanden die edlen Frauen und Frauleins, rechts in ſchimmernden Waffen die Edlen. Der Graf ſaß auf einem Fürſtenſtuhl. Rechts und links ſaßen der fromme Abt von Hauterive und die geheiligte Macht. des Biſchofs von Sitten.

Emma ſtand, die ſchönen Augen auf den Bo⸗ den geheftet, ſich ſammelnd; da ſtieg vom Thron der Graf, das Geſicht verhüllt im goldenen Helm, gewappnet halb in Gold, halb in Stahl. Er beugte ein Knie vor Emma, und ſeine Hand wollte ihr den Kranz von Kornblumen und Myrthen auf das Haupt ſetzen.

Hört mich zuvor, Herr! ſagte Emma ruhig. Dort unter Euern Edlen ſteht der Mann, den ich unendlich liebe, dem ich mein Herz, meine Treue gab: Ulrich von Marſan. Da kommt Ihr, edler Graf, und brachtet mir dieſe goldene Lilie. Ich nahm ſie, denn ich war from und unſchuldig. Aber

das Geſchenk beunruhigte meine Seele. Ich nahm

das goldene Veilchen; denn ich war ja demüthig. Herr! Da bothet Ihr mir die Roſe, das Zeichen der Liebe. Ach ich liebte ſchon längſt, edler Graf. Ich ſchlug es aus. Aber. eine Geiſterſtimme riß. dennoch meine Hand hin nach Euerm Geſchenk.

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