Teil eines Werkes 
2. Theil (1864)
Entstehung
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Ihrer Mütter Mund zu küſſen, Auszuruh'n in ihrem Arm.

Ihre Decke war der Himmel, Harte Erde war ihr Bett,

Wenn ſie matt zu Boden ſanken Nach dem heißen blut'gen Streit.

Conrad fühlte ſich von Rührung ergriffen, er kniete nieder. Die Stimme klang ſüß und rein, was ſie ſang, war ein polniſches Volkslied und die Söhne der Ukraine pflegten es im Bivouac zu ſingen.

Unfres Landes tapfren Söhnen Bringt das Beſte, was ihr habt, Daß ſie heute froh genießen, Leicht iſt's ja ihr letztes heut! Breitet Heu zum weichen Lager, Mädchen, holet ſüßen Meth, Blumen pflücket mir im Garten, Schmückt die Hütte zum Empfang. Haben oft für uns geſtritten,

Laßt uns pflegen ſie zum Lohn, Laßt ſie ſchmauſen, laßt ſie trinken, Spart nichts für die Feinde auf. Uns die Freiheit zu erkämpfen, Ließen Heimath ſie und Heerd, Stritten tapfer, uns zu ſchützen, Uns zu retten unſer Land!

Die Töne des Liedes verhallten, aber Conrad von Waſa horchte noch immer.

O fahren Sie fort, ſagte er,weiter, weiter, Sie ſingen ſo ſchön

Langſam ſchritt er vorwärts, die junge Dame wandte ſich um und heftete einen magnetiſchen Blick auf ihn.

Doch plötzlich wich Conrad von Waſa, wie von Entſetzen ergriſſen, zurück.

Eleonora! rief er aus.

Nun ja, ſagte dieſe,ich bin es; ich, die ich Sie liebe und dem Tode entriſſen habe.

Conrad ſah ſich plötzlich in die jüngſte Vergangenheit zurück verſetzt und fand ſich wieder auf dem Hofe der Citadelle von Wilna, inmitten ſei⸗ ner unglücklichen Leidensgefährten, deren mehrere bereits den Zoll des Todes bezahlt hatten.

Wäͤre es denn wirklich wahr? ſagte er vor ſich hin.