Teil eines Werkes 
2. Theil (1864)
Entstehung
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Keine Binde, keine Feſſeln mehr, die Hände frei aber wie ſich zu⸗ recht finden? Er kannte weder den Stadttheil noch das Haus, worin er ſich befand, und ſtand in einem finſteren, hermetiſch verſchloſſenen Zimmer.

Conrad war tapfer; er hatte dem Tode nah in's Auge geſehen.

Warten wir! ſagte er zu ſich ſelbſt.

Plötzlich öffnete ſich eine Flügelthür, ein reich möblirter, prächtig er⸗ leuchteter Salon zeigte ſich den geblendeten Blicken des Fürſten von Waſa.

Seit mehreren Monaten war er nur an den Anblick finſterer Wälder, dürrer Steppen, nebliger Atmoſphäre gewöhnt, mehrere Stunden lang waren ſeine Augen dem Lichte verſchloſſen geweſen und dadurch ſchwach geworden; er konnte den Anblick, der ſich ihm ſo unerwartet darbot, nicht ertragen, und ſeine Augenlider ſenkten ſich.

Allmälig erholte er ſich: der Luxus konnte ihn nicht ſcheu machen, noch in Verlegenheit ſetzen. Vor dem polniſchen Kriege hatte er, ſtets um⸗ geben von allen Reichthümern, die die Erde zu bieten vermag, gelebt; er öffnete die Augen wieder und warf einen ſichern Blick in die Tiefen des weiten Gemaches, welches ſich vor ihm aufgethan hatte.

Im Hintergrunde deſſelben auf einem Sopha ſaß eine Dame, eine junge Dame, die er nicht erkannte, die ihm aber ſehr ſchön vorkam.

Sie trug eine Robe von ſchwarzem Sammet, welche die Schultern frei⸗ ließ. Ein Collier von ſchönen Perlen ſpielte auf dieſen lilienweißen Schul⸗ tern. Die rabenſchwarzen Haare waren über der Stirn in Form eines Dia⸗ dems aufgenommen und eine Agraffe von Rubinen hielt ſie feſt. Sie ließen den weißen, klaſſiſch geformten Hals und das feine Ohr frei, welches von dem Gewichte zweier ſchwerer Diamanten ein wenig heruntergezogen wurde.

Bei dieſem Anblick fühlte Conrad ſich verwirrt, das Blut ſtrömte ihm zum Herzen zuruͤck.

Er wußte noch nicht, an welchem Orte er war, und welche Dame er vor ſich ſah; aber die Stimme der Ehre ſprach in ihm, ein förmlicher Schwindel ergriff ihn. 1

Die junge Dame erhob ſich, that einige Schritte in dem Zimmer, ſetzte ſich dann an ein Clavier und begann mit melodiſcher Stimme zu ſingen:

Freuet euch, ihr Mädchen, jubelt,

Frohe Botſchaft bring' ich euch;

Seht im Abendſtrahl vom Walde

Unſre tapfren Reiter nah'n.

Conrad hörte aufmerkſam zu er erkannte ein Lied ſeines Vater⸗

landes. 3Ziehen ein in unſer Dörſchen, Nach des Kampfes Müh und Leid,