„Das werde ich ihm ſelber ſagen, jedenfalls muß ich ihn ſprechen.“„
„Wollen ſehen.“
Und das Fenſterchen ſchloß ſich, den Harrenden draußen in der unan⸗ genehmen Möglichkeit laſſend, des Sabbaths wegen abgewieſen zu werden.
Doch nicht lange dauerte dieſe Ungewißheit, ein chriſtlicher Diener öffnete die Thür und ließ den jungen Grafen in ein Zimmer eintreten, das zu ebener Erde gelegen und, von den Comptoirſtuben getrennt, dem Herrn des Handlungshauſes zum Empfangzimmer in Geſchäftsangelegenheiten diente.
Hier hatten Mouravieff und Berg nothwendige Anleihen gemacht, dieſe Räume kannten den Markgrafen Wielopolski und ſelbſt Großfürſten durften es nicht verſchmähen, die Kaſſe des Juden Abraham gegen gute Zinſen in Anſpruch zu nehmen.
Freilich war er ebenſo wegen ſeiner Gefälligkeit, wie wegen ſeiner Strenge bekannt. Er lieh Juden und Chriſten, Ruſſen und Polen mit gleicher Bereitwilligkeit, doch Niemand konnte ſich rühmen, ihn durch zö⸗ gernde Bezahlung hingehalten zu haben. War doch die Drohung, den Credit bei ihm zu verlieren, ſchlimm genug, um ihr ſo gut als thunlich zu entgehen.
Abraham nahm immer nur denſelben beſtimmten, doch nicht allzu hohen Prozentſatz, und Niemand durfte ihn des Wuchers beſchuldigen. Vertraute man ihm Gelder an, ſo verwaltete er ſie mit einer Recht⸗ ſchaffenheit und Umſicht, die ihm die Achtung ſelbſt der Feinde ſeines Glau⸗ bens verſchafften.
Er war überaus wohlthätig gegen die Armen, ohne nach ihrer Re⸗ ligion oder Nationalität zu fragen und bewahrte ſich in politiſcher Hin⸗ ſicht eine vollſtändige Parteiloſigkeit, die ſo weit ging, daß außer dem Courszettel kein Tagesblatt über ſeine Schwelle gebracht werden durfte.
Deswegen floß ſein Leben unangefochten dahin; die Ruſſen ſchonten ihn in jeder Weiſe, be ſie ihn gebrauchten, die Armen liebten ihn wie einen helfenden Freund und ſeine Glaubensgenoſſen betrachteten ihn wie ei⸗ nen zweiten Nathan.
Es war ein ſchöner, alter Mann, trotz der mächtig gekrümmten Naſe und der etwas hängenden Schultern, und wie er vor Adrian trat, den langen Talar von ſchwarzer Seide in weiten Falten um ſich ſchla⸗ gend, ward dieſer mächtig von der ehrfurchtgebietenden Geſtalt ergriffen.
Seine Stirn war hoch, und höher noch, weil nur an den Schläfen zwei künſtlich gedrehte Locken hernieder fielen. Sein weißer Bart bedeckte einen Theil ſeiner Bruſt und unter den gebleichten buſchigen Brauen blitz⸗
ten ſeine dunklen Augen mit freundlicher Klugheit hervor. Er war klein und trug ſich überdies ein wenig gebückt, doch ſo impoſant war ſeine ganze


