634 „Dort iſt das Haus— wollen Sie mich dahin begleiten?“ Er reichte ihr den Arm und führte die noch Zitternde durch reinliche Wege einem düſteren, doch ſtattlichen Hauſe zu.
„Ich danke Ihnen,“ ſagte ſie,„ich ſehe meine Leute und weiß mich nun geborgen.“
Wirklich nahte ſich ihr ein Livreediener, und Adrian hatte keine Ur⸗ ſache, länger bei ihr zu verweilen; er nahm die nochmalige Verſicherung ihrer Dankbarkeit mit, Wohlgefallen entgegen und ließ ſeine entzückten Blicke auf den ſchönſten ſchwarzen Augen ruhen, die er jemals geſehen.
Dann verließ er langſam und auf demſelben Wege, auf welchem er gekommen, den Garten, indeſſen ſein Herz leiſe fragte: werde ich ſie jemals wiederſehen?—
Als er an dem Hauſe vorüberkam, bemerkte er davor einen Wagen ohne Wappen oder ſonſtiges Abzeichen, doch elegant und mit zwei herrlichen Pferden beſpannt. Auch der Kutſcher trug eine einfache Livree, die weder an dem Hut noch an den Knöpfen errathen ließ, wem ſie angehören mochte.
Der Weg wurde ihm weniger beſchwerlich, ſeitdem das ſchöne Bild der ſoeben Geſehenen ihn begleitete. Ihr weißes, faltiges Kleid, ihre leichte, graziöſe Geſtalt ſchien vor ihm her zu flattern und er meinte ihre kohl⸗ ſchwarzen Flechten im Winde fliegen zu ſehen.
Ehe er es gedacht, befand er ſich in der Judenſtadt und durchwanderte ſuchend die engen, ſchmutzigen Gaſſen.
Das Haus des reichen Abraham war eines der ſtattlichſten im ganzen OQuartier, doch düſter und unfreundlich genug.
Das unterſte Stockwerk, in welchem ſich die Comptoir⸗ und Kaſſen⸗ zimmer befanden, war an ſeinen kleinen Fenſtern mit dicken Eiſenſtangen verwahrt, ein ſicheres Zeichen, daß keine zuverläſſige Polizei für die Sicher⸗ heit der Bewohner dieſes Viertels einſtand, und daß es jedem Einzelnen überlaſſen blieb, ſich ſelbſt zu ſchützen, während er kaum das Recht beſaß, ſich ſelbſt zu wehren, wenn ein Angriff erfolgte.
Im erſten Stockwerk ſah es dagegen heiterer aus. Helle Spiegel⸗ ſcheiben ſchmückten die freilich auch hier nicht hohen Fenſter, die in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne in zauberiſchem Glanze ſchimmerten.
Adrian klopfte an eine Thür, die von Eichenholz und ſo ſtark mit Eiſen beſchlagen war, als ſolle ſie eine Feſtung gegen Feindeswaffen ſchützen.
Ein bärtiger alter Judenkopf blickte zu einem geräuſchvoll geüſſutten Fenſterchen heraus und fragte:
„Zu wem?“
„Ich wünſche Herrn Abraham zu ſprechen.“
„Was? am Schabbes?— und wozu?“—


