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Stelle der Straße aus immer nur wenige Schritte derſelben überſehen 4 konnte.
Alle dieſe Umſtände verliehen der Rue St. Hyacinthe einen düſtern, unfreundlichen Charakter, der durch die gleichmäßig altersgraue Färbung der in früheren Zeiten verſchieden angeſtrichenen Häuſer noch vermehrt wurde.
Reiche Leute wohnten wohl nicht in dieſer Straße, das lehrte der Augenſchein; doch ebenſowenig war ſie der Sitz jenes kraſſen Elends, wel⸗ ches in Lumpen ſich kleidet und ſich nicht ſcheut, der Welt in's Geſicht zu ſagen: Ich hungere! Ich friere! Ich leide Mangel am Nothwendigſten! Denn das Pflaſter ſowohl wie die Häuſer waren leidlich reinlich gehalten, die Fenſterſcheiben faſt durchgängig ganz und meiſtentheils mit beſcheidenen Vorhängen verſehen. Sagen wir es daher dem Leſer gleich, woraus ſich die Bewohnerſchaft der Rue St. Hyacinthe hauptſächlich zuſammenſetzte— nämlich aus Arbeitern mit geringem Verdienſte, und armen Studenten, die beſcheidene Bedürfniſſe mit noch beſcheideneren Einkünfte befriedigen mußten, und dieſer Straße ebenſoſehr wegen der Billigkeit der Miethen, wie wegen⸗ der Nähe der Lehranſtalten den Vorzug gaben. Es war an einem trüben Apriltage des Jahres 1863 in früher Abend⸗ ſtunde, etwa gegen ſieben Uhr, als durch die ſo geſchilderte Straße ein junger Mann ſchritt, deſſen. eigenthümliches Ausſehen wohl geeignet war, die Aufmerkſamkeit eines etwaigen Beobachters ſowohl, wie der wenigen Vorüber⸗ gehenden auf ſich zu ziehen.
Es war ein ſchlanker junger Mann mit blaſſem, ausdrucksvollem Ge⸗ ſicht, das von ſchwarzem, vollem Haar eingerahmt und durch ein kleines zier⸗ liches Schnurrbärtchen von derſelben Farbe geziert war. Die glänzenden dunklen Augen blickten feurig unter dichten und langen Wimpern hervor, wiewohl augenblicklich ein düſtrer, ſorgenvoller Ausdruck ihre Flammen dämpfte, und die ſchöngezeichneten, hochgeſchwungenen Brauen verliehen dem Geſicht ein ſtolzes Anſehen, das ſelbſt jetzt, wo er ſichtlich niedergedrückt
und geſenkten Hauptes einherging, nicht beeinträchtigt ward. Sein Anzug beſtand aus einem kurzen, knappen Rock, der auf der Bruſt mit Schnüren beſetzt war, aus dunklen Beinkleidern von gewöhnlichem Schnitt und einer pelzverbrämten Mütze von jener beſondern, der polniſchen Nationaltracht eigenthümlichen Form, die ihn nebſt dem Schnurenrocke als einen Sohn jenes unglücklichen, unter tyranniſcher Fremdherrſchaft ſenfzen⸗ den Landes, als einen Polen kennzeichnete.
Geſenkten Hauptes und mit ſorgenvoller Miene ſchritt er, wie ſchon bemerkt, einher und war eben um einen der in der Rue St. Hyacinthe häufigen Mauervorſprünge gebogen, als er dicht hinter ſich ſprechen hörte.
„Sigismund Krotowski!“ ſagte halb flüſternd eine dumpfe Stimme.


