Geßlers;— man glaubte, die weißen halb aus dem flacheren Grunde heraustretenden Figürchen müßten zu leben und ſich zu bewegen anfangen, die elfenbeinernen Wogen des Vierwaldſtätterſees ſich aufthürmen und den Nachen des böſen Geßler in den Abgrund ziehen. Damals richtete der Knabe ſich im Bettchen auf und griff nach den bauchigen Gläſern, welche die zarte Arbeit vor ſeinen ungeſchickten Händchen ſchützten... Um⸗ ſonſt, die Filigranhelden der kindlichen Phantaſie blie⸗ ben regungslos und todt, und die Wärterin kam und bewahrte die zarten Bildwerke vor eingehenderen Un⸗ terſuchungen.
Es war ſpäter, Jahre ſpäter, da ſaß der Knabe über Zſchokkes Schweizergeſchichten, und da ihn die Mutter mit glühenden Wangen darin leſen ſah und da gerade ſein zwölfter Geburtstag war, ſo nahm ſie ihn mit ins königliche Hof⸗ und Nationaltheater, wo heute Abend Wilhelm Tell von Schiller gegeben wurde. Und mit weitgeöffneten Augen, mit ſtaunendem Munde ſaß der Knabe da und lauſchte den hochtönenden Re⸗ den, und dann, als ſie heimgingen, konnte die Mutter kein Wort aus dem aufgeregten Kinde herausbringen, welches die Fäuſte feſt geſchloſſen hielt und wild vor ſich hinſtarrte und zu Hauſe das Geſicht weinend in die Kiſſen vergrub, weil es keinen Tyrannen in der
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