Teil eines Werkes 
2. Band (1874)
Entstehung
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Erneſtine war anders gekleidet als früher. Ein faſt nonnenhaft geſchloſſenes dunkles Seidenkleid reichte bis an ihr Antlitz und bis auf ihre zarten Hände, weißer und ſchmaler als je. Ihr Antlitz war ſehr bleich und hatte einen Zug genialer Ueberlegenheit verloren, der ſonſt einen ihrer eigenthümlichſten Reize ausgemacht. Das Auge, größer und mächtig wie nur je, ſah aus, als habe es ſeit Jahren verlernt, etwas Anderes auszudrücken als müde Wunſchloſigkeit und Entſagung. Das nonnenhafte Ausſehen Erneſtinens wurde noch erhöht durch ein großes goldenes Kreuz, das ſie an einer feinen Kette um den Hals trug.

Unter dem Sturm von Empfindungen, mit denen Ulrich einen Raum betrat, der in der kleinſten Anord⸗ nung das Walten ihres zarten Geiſtes verrieth, war Ulrich die Veränderung in dem Aeußern ſeiner Pfle⸗ gerin nicht ganz klar zum Bewußtſein gekommen. Und nachdem er ſich ermattet niedergeſetzt und ſie ihm gegenüber Platz genommen, hatte er faſt den Athem angehalten, um nicht durch einen Laut den ſüßen Traum zu ſtören, der ihn mit Händen greifbar um⸗ fing.

Plötzlich flammte glühendes Roth über die ein⸗ gefallenen blaſſen Wangen des Geneſenden. Er hatte ein Buch entdeckt, das, dem glänzend neuen Einbande