Keiner Bewegung mächtig ſtarrte ſie auf die wenigen Zeilen, dann preßte ſie mit einem leiſeu Schrei höchſter Wonne die Lippen auf das Papier und warf ſich ſchluchzend auf das Sopha.
In krampfhaftem Weinen bewegte ſich ihr Kör⸗ per noch lange, dann richtete ſie ſich mit verklärtem Antlitz auf und ſchellte. Der Kellner erſchien: „Beſorgen Sie mir einen Wagen, der mich nach dem Comerſee fährt. In einer Stunde reiſe ich ab.“
Der Kellner ging. Wieder und wieder ruhte ihr Auge auf den Zeilen, die eine Männerhand ſicht⸗ lich in höchſter Erregung niedergeſchrieben.
„Virginia! Sechs Monate habe ich um Dich ge⸗ trauert wie um eine Todte. Jetzt ertrag ich es nicht mehr. Ich will nicht zu Dir eilen, weil Du darin eine That der Gewalt erblicken könnteſt, die uns auf's Neue entfremden würde. So höre denn, was Dir mein Stoz noch nie geſtand. Nur Eiferſucht war es, die mich Dir jeden freien Athemzug mißgönnen ließ, nichts Anderes, ich ſchwöre es, nichts Anderes, Vir⸗ ginia! Nicht die Welt, nicht ihr Brauch— was lag mir an den Menſchen, wenn Du nich liebteſt! Ich war eiferſüchtig auf Alles, auf die Künſtler mit denen Du verkehrteſt, auf die lebloſen Statuen und Gemälde, die Du bwunderteſt, ich gönnte Dich ſelbſt nicht der


