— und nun hielt ſie in der bebenden Hand einen Brief aus Florenz. Die Aufſchrift war von der Hand ihres Gatten. Der erſte Brief ſeit den erſten ſechs Monaten ihrer ewigen Trennung, der erſte, ſeit Alles aus und entſchieden war zwiſchen ihnen! Was konnte er ihr zu ſagen haben, da Alles zu Ende war?
Eine gräßliche Unruhe peinigte die Marcheſa. Sie hätte in ihr Zimmmer gehen und das Couvert von dem räthſelhaften Schreiben reißen mögen— ſie
durfte nicht. Eiſige Ruhe und Verachtung hatte ſie ja dieſen gaffenden, höflich unverſchämten Menſchen gegen⸗ über gelobt und ſie wollte ſtark ſein.
Sie war ſtark. Die ganze Procedur eines De⸗ jeuners ging an ihr vorüber mit der erdrückenden Wichtigkeit ſeiner Details und in jedem unbeachteten Augenblick klirrte ihre Gabel hörbar auf dem Teller.
Aber ſie war ſtark— bis rings die Nüſſe des Deſſerts krachten. Und als die unförmlich dicke Amerikanerin, welche das Präſidium führte, ſich erhob, ging auch Virginia mit ruhigen, langſamen Schritten aus dem Saal. Stufe um Stufe ſtieg ſie die Treppe empor wie eine Todmüde.
In ihrem Zimmer angelangt hielt ſie noch einen
. Augenblick den verſchloſſenen Brief mit beiden Händen, dann riß ſie mit Fieberhaſt die Einhüllung herunter.


