Teil eines Werkes 
2. Band (1876)
Entstehung
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Es war dunkel geworden und ſinnend blieb Vir⸗ ginia am Fenſter ſtehen. Das Gebüſch des Gartens lag ſchwarz und formlos unter ihr und zwiſchen den

einzelnen Stämmen einzelner Akazien leuchtete ge⸗

heimnißvoll der See, der leiſe an die Tropfſteinfelſen des kleinen Hafens ſchlug. In überweltlicher Größe zeichneten ſich die Umriſſe der dunklen Berge von der

gelben Dämmerung ab, welche den baldigen Aufgang

des Mondes verkündete. Da ſah Virginia, wie eine dunkle Geſtalt ſich leicht über die niedere Brüſtung des Gartens ſchwang und in den ſchwarzen Büſchen verſchwand. Ihr Herz ſchlug heftig, ſie war ſich nicht klar darüber warum. Da erklang in den Büſchen eine männliche Stimme; leiſe, tief und harmoniſch be⸗ gann ſie eine unbekannte, vielleicht noch nie geſungene Melodie, die immer weicher anſchwoll gleich dem Lichte des unſichtbaren Mondes, das in immer reicheren Fluthen hinter den Bergen emporwallte.

Jetzt erſchien die goldene Scheibe des Mondes und zitterte in einer breiten goldenen Straße über den

See und die Wege des Gartens. Das Gebüſch, hinter dem der Sänger ſich verbarg, erzitterte und Funken irrten über die Blätter, als ob ſie von der Sonne träumten.

Und immer voller, melodiſcher und wilder erklang