206
„Wo bin ich?“ ſtammelte er.
„Wo werden Sie denn ſein?“ antwortete der Burſche, „beim Meiſter Leonhard, den man in der Nacht ange⸗ fallen hat. Bleiben Sie liegen, ich darf's nicht leiden, daß Sie aufſtehen!“
Bülow ſammelte ſeine Gedanken. Der Schlaf hatte ihn wunderbar geſtärkt, er fühlte ſich ein wenig wüſt im Kopfe, das war Alles. Der Eisumſchlag war auf die Kiſſen niedergerutſcht. Bülow griff an ſeine verbundene Stirn. Die ganze Begebenheit der vergangenen Nacht ſchoß ihm durch den Sinn. Noch lebhafter aber drängte ſich ihm plötzlich der Gedanke an die furchtbare Entde⸗ ckung auf, welche er vor dem Abenteuer mit den Va⸗ gabunden gemacht hatte. Er ſchrak heftig zuſammen.
„Wie lange ſchlief ich hier?“ rief er mit bebenden Lippen, den Burſchen anſtierend.
„Nun, grad lange genug!“ antwortete dieſer mit einem Grinſen—„den ganzen Tag!“
„Und wie ſpät iſt es jetzt?“ ſtotterte Bülow entſetzt.
„Sechs Uhr Abends! Bleiben Sie liegen, ſag' ich Ihnen!“ war des Burſchen Antwort.
„Allmächtiger Gott!“ rief Bülow außer ſich,— „der Graf Karl iſt verloren, wenn ich ihn nicht auf der Stelle benachrichtige! In einer halben Stunde iſt vielleicht der alte Graf ermordet!“


