Teil eines Werkes 
12 Band (1838)
Entstehung
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mir zwar ſelbſt die Unzulaͤnglichkeit der Theorie einraͤumen; aber ich dehne meinen Unglauben auch auf das Beurth eilen aus und moͤchte behaup⸗ ten, daß es kein Geſaͤß gibt, die Werke der Einbildungskraft zu faſſen, als eben dieſe Einbildungskraft ſelbſt.

Wenn man die Kunſt, ſo wie die Philoſophie, als etwas, das immer wird und nie iſt, als immer dynamiſch und nicht, wie ſie es jetzt nen⸗ nen, atomiſtiſch betrachtet, ſo kann man gegen jedes Product gerecht ſeyn, ohne dadurch eingeſchraͤnkt zu werden. Es iſt aber im Charakter der Deutſchen, daß ihnen Alles gleich feſt wird, und daß ſie die unendliche Kunſt, ſo wie ſie es bei der Reformation mit der Theologie gemacht, gleich in ein Symbolum hineinbannen muͤſſen. Deßwegen gereichen ihnen ſelbſt treffliche Werke zum Verderben, weil ſie gleich fuͤr heilig und ewig erklaͤrt werden, und der ſtrebende Kuͤnſtler immer darauf zuruͤckgewieſen wird. An dieſe Werke nicht religids glauben, heißt Ketzerei, da doch die Kunſt uͤber allen Werken iſt. Es gibt freilich in der Kunſt ein Maximum, aber nicht in der modernen, die nur in einem ewigen Fortſchritte ihr Heil

finden kann.

Ich habe dieſer Tage den raſenden Roland wieder geleſen und kann dir nicht genug ſagen, wie anziehend und erquickend mir dieſe Lectuͤre war. Hier iſt Leben und Bewegung und Farbe und Fuͤlle; man wird aus ſich heraus ins volle Leben und doch wieder von da zuruͤck in ſich ſelbſt hineingefuͤhrt; man ſchwimmt in einem reichen unendlichen Ele⸗ ment und wird ſeines ewigen identiſchen Ichs los und exiſtirt eben deßwegen mehr, weil man aus ſich ſelbſt geriſſen wird. Und doch iſt⸗ trotz aller Ueppigkeit, Raſtloſigkeit und Ungeduld, Form und Plan in dem Gedicht, welches man mehr empfindet als erkennt und an der Stetigkeit und ſich ſelbſt erhaltenden Behaglichkeit und Froͤhlichkeit des Zuſtandes wahrnimmt. Freilich darf man hier keine Tiefe ſuchen und keinen Ernſt; aber wir brauchen wahrlich auch die Flaͤche ſo noͤthig als die Tiefe, und fuͤr den Ernſt ſorgt die Vernunft und das Schickſal genug, daß die Fantaſie ſich nicht damit zu bemengen braucht.

Noch hoffe ich in meinem poetiſchen Streben keinen Ruͤckſchritt gethan zu haben, einen Seitenſchritt vielleicht, indem es mir begegnet ſeyn kann, den materiellen Forderungen der Welt und der Zeit etwas eingeraͤumt zu haben. Die Werke des dramatiſchen Dichters werden ſchneller als alle andere von dem Zeitſtrom ergriffen; er kommt ſelbſt, wider Willen, mit der großen Maſſe in eine vielſeitige Beruͤhrung, bei der man nicht immer rein bleibt. Anfangs gefaͤllt es, den Herrſcher zu machen uͤber die Ge⸗ muͤther; aber welchem Herrſcher begegnet es nicht, daß er auch wieder der