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„Denken Sie ſich aber den Genuß, in einer poetiſchen Darſtellung alles Sterb⸗ „liche ausgeloͤſcht, lauter Licht, lauter Freiheit, lauter Vermoͤgen— keinen „Schatten, keine Schranken, nichts von Dem allen mehr zu ſehen.— Mir „ſchwindelt, wenn ich an dieſe Auſgabe, wenn ich an die Moͤglichkeit ihrer „Aufioͤſung denke. Ich verzweifle nicht ganz daran, wenn mein Gemuͤth „nur erſt ganz frei und von allem Unrath der Wirklichkeit recht rein ge⸗ „waſchen iſt: ich nehme dann meine ganze Kraft und den ganzen aͤtheri⸗ „ſchen Theil meiner Natur noch auf Einmal zuſammen, wenn er auch bet „dieſer Gelegenheit rein ſollte aufgebracht werden. Fragen Sie mich aber „nach nichts. Ich habe bloß noch ganz ſchwankende Bilder dovon und nur „hier und da einzelne Züͤge. Ein langes Studiren und Streben muß mich verſt lehren, ob etwas Feſtes, Plaſtiſches daraus werden kann.“
Das Trauerſpel war indeſſen die Heimat, zu der Schiller auch in der damaligen Stimmung bald wieder zuruͤckkehrte. Aus der Geſchichte der tuͤrkiſchen Belagerung von Maltha hatte er einen Stoff ſich ausgedacht, wobei er viel von dem Gebrauch des Chors erwartete. Von dieſem Stuͤcke— den Rittern von Maltha— findet ſich der Plan in Schillers Nachlaſſe, und die Ausfuͤhrung wurde damals bloß aufgeſchoben, da er ſich im Mai 1796 fuͤr den Wallenſtein entſchied.
„Ich ſehe mich,“ ſchrieb er damals,„auf einem ſehr guten Wege, den vich nur fortſetzen darf, um etwas Gutes hervorzubringen. Dies iſt ſchon „viel und auf alle Faͤlle ſehr viel mehr, als ich in dieſem Fache ſonſt von „mir ruͤhmen konnte. Vordem legte ich das ganze Gewicht in die Mehr⸗ „heit des Einzelnen; jetzt wird Alles auf die Totalitaͤt berechnet, und ich „werde mich bemuͤhen, denſelben Reichthum im Einzelnen mit eben ſo „vielem Aufwande von Kunſt zu verſtecken, als ich ſonſt angewandt, ihn „zu zeigen, um das Einzelne recht vordringen zu laſſen. Wenn ich es auch vanders wollte, ſo erlaubt es mir die Natur der Sache nicht: denn Wal⸗ „lenſtein iſt ein Charakter, der— als echt realiſtiſch— nur im Ganzen, „aber nie im Einzelnen intereſſiren kann.— Er hat nichts Edles, er erſcheint vin keinem einzelnen Lebensakte groß, er hat wenig Würde und dergl.— „Ich hoffe aber nichtsdeſtoweniger auf rein realiſtiſchem Wege einen dramatiſch „großen Charakter in ihm außzuſtellen, der ein echtes Lebensprincip hat. „Vordem habe ich, im Poſa und Carlos, die fehlende Wahrheit durch „ſchoͤne Idealitaͤt zu erſetzen geſucht; hier im Wallenſtein will ich es „probiren und durch die bloße Wahrheit die fehlende Idealitaͤt(die ſenti⸗ „mentaliſche näͤmlich) entſchaͤdigen.
„Die Aufgabe wird dadurch ſchwer, aber auch intereſſanter, daß der veigentliche Realism den Erſolg noͤthig hat, den der idealiſche Charakter


