Teil eines Werkes 
12 Band (1838)
Entstehung
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entbehren kann. Ungluͤcklicherweiſe aber hat Wallenſtein den Erfolg gegen ſich. Seine Unternehmung iſt moraliſch ſchlecht, und ſie verungluͤckt phyſiſch. Er iſt im Einzelnen nie groß, und im Ganzen kommt er um ſeinen Zweck. Er kann ſich nicht, wie der Idealiſt, in ſich ſelbſt einhuͤllen und ſich uͤber die Materie erheben, ſondern er will die Materie ſich unter⸗ werfen und erreicht es nicht.

Daß Sie mich auf dieſem neuen und mir nach allen vorhergegangenen Erfahrungen fremden Wege mit einiger Beſorgniß werden wandeln ſehen will ich wohl glauben. Aber fuͤrchten Sie nicht zu viel. Es iſt erſtaun⸗ lich, wie viel Realiſtiſches ſchon die zunehmenden Jahre mit ſich bringen, wie viel der anhaltende Umgang mit Goͤthen und das Studium der Alten, die ich erſt nach dem Carlos habe kennen lernen, bei mir nach und nach entwickelt hat. Daß ich auf dem Wege, den ich nun einſchlage, in Goͤthes Gebiet gerathe und mich mit ihm werde meſſen muͤſſen, iſt freilich wahr: auch iſt es ausgemacht, daß ich hierin neben ihm verlieren werde. Weil mir aber auch etwas uͤbrig bleibt, was mein iſt, und er nie erreichen kann, ſo wird ſein Vorzug mir und meinem Producte keinen Schaden thun, und ich hoffe, daß die Rechnung ſich ziemlich heben ſoll. Man wird uns, wie ich in meinen muthvollſten Augenblicken mir ver⸗ ſpreche, verſchieden ſpecificiren, aber unſere Arten einander nicht unter⸗ ordnen, ſondern unter einem hoͤhern idealiſchen Gattungsbegriff einander cvordeniren.

Acht Monate ſpaͤter ſchrieb Schiller hieruͤber Folgendes an einen andern Freund: 4

Noch immer liegt das ungluͤckſelige Werk formlos und endlos vor mir da. Keines meiner alten Stuͤcke hat ſo viel Zweck und Form, als der Wallenſtein jetzt ſchon hat, aber ich weiß jetzt zu genau, was ich will, und was ich ſoll, als daß ich mir das Geſchaͤft ſo leicht machen koͤnnte. Es iſt mir faſt Alles abgeſchnitten, wodurch ich dieſem Stoffe nach meiner gewohnten Art beikommen koͤnnte; von dem Inhalte habe ich faſt nichts zu erwarten; Alles muß durch eine gluͤckliche Form bewerkſtelligt werden.

Du wirſt, dieſer Schilderung nach, fuͤrchten, daß mir die Luſt an dem Geſchaͤfte vergangen ſey, oder, wenn ich dabei wider meine Neigung be⸗ harre, daß ich meine Zeit dabei verlieren werde. Sey aber unbeſorgt, meine Luſt iſt nicht im Geringſten geſchwaͤcht und eben ſo wenig meine Hoffnung eines trefflichen Erfolgs. Gerade ſo ein Stoff mußte es ſeyn, an dem ich mein neues dramatiſches Leben eroͤffnen konnte. Hier, wo ich nur auf der Breite eines Scheermeſſers gehe, wo jeder Seitenſchritt das

Schillers ſaͤmmtl. Werke. XII. 28