„ihm fehlte, und etwas dafuͤr empfangen. Seit dieſer Zeit haben dieſe aus⸗ „geſtreuten Ideen bei Goͤthen Wurzel geſaßt, und er fuͤhlt jetzt ein Be⸗ „dürfniß, ſich an mich anzuſchließen und den Weg, den er bisher allein und „ohne Aufmunterung betrat, mit mir fortzuſetzen. Ich freue mich ſehr auf „einen fuͤr mich ſo fruchtbaren Ideenwechſel.“—
„Ich werde kuͤnftige Woche auf vierzehn Tage nach Weimar reiſen und „bei Goͤthe wohnen. Er hat mir ſo ſehr zugeredet, daß ich mich nicht „weigern konnte, da ich alle moͤgliche Freiheit und Bequemlichkeit bei ihm „finden ſoll. Unſere naͤhere Beruͤhrung wird für uns Beide entſcheidende „Folgen haben, und ich freue mich innig darauf.
„Wir haben eine Correſpondenz mit einander über gemiſchte Materien „beſchloſſen,“* die eine Quelle von Aufſaͤtzen fuͤr die Horen werden ſoll. „Auf dieſe Art, meint Goͤthe, bekaͤme der Fleiß eine beſtimmte Richtung, „und, ohne zu merken, daß man arbeitet, bekaͤme man Materialien zuſam⸗ „men. Da wir in wichtigen Sachen einſtimmig und doch ſo ganz verſchie⸗ „dene Individualitaͤten ſind, ſo kann dieſe Correſpondenz wirklich intereſ⸗ „ſant werden.“
Mit dem folgenden Jahre 1795 beginnt bei Schillern eine neue Periode der poetiſchen Fruchtbarkeit. So ſehr ihn auch die neue Zeitſchrift beſchaͤftigte, ſo entſtanden doch gleichwohl mehrere Gedichte, die theils in die Horen, theils in den Muſenalmanach aufgenommen wurden, deſſen Herausgabe Schiller unternahm. Das Reich der Schatten oder das Ideal und das Leben, die Elegie oder der Spaziergang und die Ideale waren Producte dieſes Jahres. Die Elegie hielt Schiller fuͤr eines ſeiner gelungenſten Werke.
„Mir daͤucht,“ ſchrieb er daruͤber,„das ſicherſte empiriſche Kriterium von
„der wahren poetiſchen Guͤte meines Products dieſes zu ſeyn, daß es die
„Stimmung, worin es gefaͤllt, nicht erſt abwartet, ſondern hervorbringt,
„alſo in jeder Gemuͤthslage gefallt. Und Dies iſt mir noch mit keinem
„meiner Stucke begegnet, als mit dieſem.“
Ueber die Ideale findet ſich ſolgende Aeußerung von ihm:
„Dies Gedicht iſt mehr ein Naturlaut, wie Herder es nennen wuͤrde, „und als eine Stimme des Schmerzens, die kunſtlos und vergleichungs⸗ „weiſe auch formlos iſt, zu betrachten. Es iſt zu individuell wahr, um als „eigentliche Poeſte beurtheilt werden zu koͤnnen: denn das Individuum be⸗ „friedigt dabei ein Beduͤrfniß, es erleichtert ſich von einer Laſt, anſtatt daß „es in Geſaͤngen von anderer Art, von einem Ueberfluſſe getrieben, dem „Schoͤpfungsdrange nachgibt. Die Empfindung, aus der es entſprang, theilt
Siehe: Brieſwechſel zwiſchen Schiller und Gothe in den Jahren 1794 bis 1805. Stuttgart und Tübingen. J G. Cotta'ſche Buchhandlung. 1829— 30.


