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Waͤhrend der erſten Jahre ſeines Aufenthaltes in Jena war Schiller mit den meiſten dortigen Gelehrten im beſten Vernehmen, mit Paulus, Schuͤtz und Hufeland in freundſchaftlichen Verhaͤltniſſen, aber in der genaueſten Verbindung mit Reinhold. Es konnte nicht fehlen, daß er dadurch auf die Kantiſche Philoſophie aufmerkſam gemacht wurde, und daß ſie ihn anzog. Was er vorzuͤglich ſtudirte, war die Kritik der Urtheilskraft, und Dies fuͤhrte ihn zu philoſophiſchen Unterſuchungen, deren Reſultat er in der Abhandlung uͤber Anmuth und Würde, in verſchiedenen Auſſaͤtzen der Thalia, und hauptſaͤchlich ſpaͤter in den Briefen uͤber die aͤſthetiſche Erziehung des Menſchen bekannt machte.
Aus der Periode dieſer theoretiſchen Studien findet ſich von ihm folgende ſchriftliche Aeußerung:
„Ich habe vor einiger Zeit Ariſtoteles Poetik geleſen, und ſie hat „mich nicht nur nicht niedergeſchlagen und eingeengt, ſondern wahrhaft „geſtaͤrkt und erleichtert. Nach der peinlichen Art, wie die Franzoſen den „Ariſtoteles nehmen und an ſeinen Forderungen vorbeizukommen ſuchen. „erwartet man einen kalten, illiberalen und ſteifen Geſetzgeber in ihm, und „gerade das Gegentheil findet man. Er dringt mit Feſtigkeit und Be⸗ „ſtimmtheit auf das Weſen, und uber die aͤußern Dinge iſt er ſo lax, als „man ſeyn kann. Was er vom Dichter fordert, muß dieſer von ſich ſelbſt „fordern, wenn er irgend weiß, was er will: es fließt aus der Natur der „Sache. Die Poetik handelt beinahe ausſchließend von der Tragoͤdie, die ver mehr als irgend eine andere poetiſche Gattung beguͤnſtigt. Man merkt „ihm an, daß er aus einer ſehr reichen Erfahrung und Anſchauung heraus⸗ „ſpricht und eine ungeheure Menge tragiſcher Vorſtellungen vor ſich hatte. „Auch iſt in ſeinem Buche abſolut nichts Speculatives, keine Spur von „irgend einer Theorie; es iſt Alles empiriſch, aber die große Anzahl der „Faͤlle und die gluͤckliche Wahl der Muſter, die er vor Augen hat, gibt „ſeinen empiriſchen Ausſprüchen einen allgemeinen Gehalt und die voͤllige „Qualitaͤt von Geſetzen.“
In den Jahren von 1790 bis 1794 wurde kein einziges Original⸗Gedicht fertig, und bloß die Ueberſetzungen aus dem Virgil fallen in dieſe Zeit. Es fehlte indeſſen nicht an Planen zu kuͤnftigen poetiſchen Arbeiten. Beſonders waren es Ideen zu einer Hymne an das Licht und zu einer Theodicee, was Schillern damals beſchaͤftigte.
„Auf dieſe Theodicee,“ ſchreibt er,„freue ich mich ſehr, denn die neue
„Philoſophie iſt gegen die Leibnig'ſche viel poetiſcher und hat einen groͤßern „Charakter.“


