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„Natur ganz und lebe in ihr. Es kleidet ſich wieder um mich herum in „dichteriſche Geſtalten, und oft regt ſich's wieder in meiner Bruſt.— Was „fuͤr ein ſchoͤnes Leben fuͤhre ich jetzt! Ich ſehe mit froͤhlichem Geiſte um „mich her, und mein Herz findet eine immerwaͤhrende ſanſte Beſriedigung „außer ſich, mein Geiſt eine ſo ſchoͤne Nahrung und Erholung. Mein „Daſeyn iſt in eine harmoniſche Gleichheit geruͤckt; nicht leidenſchaftlich „geſpannt, aber ruhig und hell gehen mir dieſe Tage dahin.— Meinem „kuͤnftigen Schickſale ſehe ich mit heiterm Muthe entgegen; jetzt, da ich „am erreichten Ziele ſtehe, erſtaune ich ſelbſt, wie Alles doch uͤber meine „Erwartungen gegangen iſt. Das Schickſal hat die Schwierigkeiten fuͤr „mich beſiegt, es hat mich zum Ziele gleichſam getragen. Von der Zukunft „hoffe ich Alles. Wenige Jahre, und ich werde im vollen Genuſſe meines „Geiſtes leben, ja, ich hofſe, ich werde wieder zu meiner Jugend zuruͤckkeh⸗ „ren; ein inneres Dichterleben gibt mir ſie zurück.“
Aber eine ſo gluͤckliche Lage wurde bald durch einen harten Schlag ge⸗ ſtöͤrt. Eine heftige Bruſtkrankheit ergriff Schillern im Anfange des Jahres 1791 und zerruͤttete ſeinen koͤrperlichen Zuſtand fuͤr ſeine ganze uͤbrige Lebens⸗ zeit. Mehrere Ruͤckeaͤllle ließen das Schlimmſte fuͤrchten, er bedurſte der groͤßten Schonung, oͤffentliche Vorleſungen waͤren ihm aͤußerſt ſchaͤdlich ge⸗ weſen, und alle andere anſtrengende Arbeiten mußten ausgeſetzt bleiben. Es kam Alles darauf an, ihn wenigſtens auf einige Jahre in eine ſorgenfreie Lage zu verſetzen, und hierzu ſehlte es in Deutſchland weder an Willen noch an Kraͤften; aber, ehe für dieſen Zweck eine Vereinigung zu Stande kam, erſchien unerwartet eine Huͤlfe aus Daͤnemark. Von dem damaligen Erb⸗ prinzen, jetzt regierenden Herzoge von Holſtein⸗Auguſtenburg, und von dem Grafen von Schimmelmann wurde Schillern ein Jahrgehalt von tauſend Thalern auf drei Jahre ohne alle Bedingungen und bloß zu ſeiner Wieder⸗ herſtellung angeboten, und Dies geſchah mit einer Feinheit und Delieateſſe, die den Empfaͤnger, wie er ſchreibt, noch mehr ruͤhrte, als das Anerbieten ſelbſt. Daͤnemark war es, woher einſt auch Klopſtock die Mittel einer unabhaͤngigen Exiſtenz erhielt, um ſeinen Meſſios zu endigen. Geſegnet ſey eine ſo edelmuͤthige Denkart, die auch bei Schillern durch die gluͤcklichſten Folgen belohnt wurde!
Voͤllige Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit war nicht zu erwarten, aber die Kraft ſeines Geiſtes, der ſich vom Drucke der aͤußern Verhaͤltniſſe frei füͤhlte, ſiegte uͤber die Schwaͤche des Koͤrpers. Kleinere Uebel vergaß er, wenn ihn eine begeiſternde Arbeit oder ein ernſtes Studium beſchaͤftigte, und von heſtigen Anſaͤllen blieb er oft Jahre lang beſreit. Er hatte noch ſchoͤne Tage zu erleben, genoß ſie mit heiterer Seele, und von dieſer Stimmung erntete ſeine Nation die Fruͤchte in ſeinen treſſlichſten Werken.


