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Sechster Brief.
Sollte ich mit dieſer Schilderung dem Zeitalter wohl zu viel gethan haben? Ich erwarte dieſen Einwurf nicht, eher einen andern: daß ich zu viel dadurch bewieſen habe. Dieſes Gemalde, werden Sie mir ſagen, gleicht zwar der gegen⸗ wartigen Menſchheit, aber es gleicht überhaupt allen Völkern, die in der Cultur begriffen ſind, weil alle ohne Unterſchied durch Vernünftelei von der Natur abfallen müſſen, ehe ſie durch Vernunft zu ihr zurückkehren können.
Aber bei einiger Aufmerkſamkeit auf den Zeitcharakter muß uns der Contraſt in Verwunderung ſetzen, der zwiſchen der heutigen Form der Menſchheit und zwiſchen der ehemali⸗ gen, beſonders der griechiſchen, angetroffen wird. Der Ruhm der Ausbildung und Verfeinerung, den wir mit Recht gegen jede andere bloße Natur geltend machen, kann uns gegen die griechiſche Natur nicht zu Statten kommen, die ſich mit allen Reizen der Kunſt und mit aller Würde der Weisheit vermaͤhlte, ohne doch, wie die unſrige, das Opfer derſelben zu ſeyn. Die Griechen beſchaͤmen uns nicht bloß durch eine Simplicität, die unſerm Zeitalter fremd iſt; ſie ſind zugleich unſere Nebenbuhler, ja oft unſere Muſter in den näͤmlichen Vorzügen, mit denen wir uns über die Naturwidrigkeit un⸗ ſerer Sitten zu tröſten pflegen. Zugleich voll Form und voll Fülle, zugleich philoſophirend und bildend, zugleich zart und energiſch ſehen wir ſie die Jugend der Fantaſie mit der Männ⸗ lichkeit der Vernunft in einer herrlichen Menſchheit ver⸗ einigen.
Damals, bei jenem ſchönen Erwachen der Geiſteskräfte, hatten die Sinne und der Geiſt noch kein ſtreng geſchiedenes Eigenthum: denn noch hatte kein Zwieſpalt ſie gereizt, mir
Schillers ſaͤmmtl. Werke. XII. 2


