Teil eines Werkes 
12 Band (1838)
Entstehung
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als auf eine wirkende Kraft gerechnet, und der freie Wille wird in das Reich der Urſachen gezogen, wo Alles mit ſtrenger Nothwendigkeit und Stetigkeit an einander hängt. Wir wiſſen aber, daß die Beſtimmungen des menſchlichen Willens immer zufällig bleiben, und daß nur bei dem abſoluten Weſen die phyſiſche Nothwendigkeit mit der moraliſchen zuſammenfällt. Wenn alſo auf das ſittliche Betragen des Menſchen wie auf natürliche Erfolge gerechnet werden ſoll, ſo muß es Natur ſeyn, und er muß ſchon durch ſeine Triebe zu einem ſolchen Verfahren geführt werden, als nur immer ein ſittlicher Charakter zur Folge haben kann. Der Wille des Menſchen ſteht aber vollkommen frei zwiſchen Pflicht und Neigung, und in dieſes Majeſtaͤtsrecht ſeiner Perſon kann und darf keine phyſiſche Nöthigung greifen. Soll er alſo dieſes Ver⸗ mögen der Wahl beibehalten und nichts deſto weniger ein zuverläſſiges Glied in der Cauſalverknüpfung der Kraäfte ſeyn, ſo kann Dies nur dadurch bewerkſtelligt werden, daß die Wir⸗ kungen jener beiden Triebfedern im Reich der Erſcheinungen vollkommen gleich ausfallen, und, bei aller Verſchiedenheit in der Form, die Materie ſeines Wollens dieſelbe bleibt, daß alſo ſeine Triebe mit ſeiner Vernunft übereinſtimmend genug ſind, um zu einer univerſellen Geſetzgebung zu taugen. Jeder individuelle Menſch, kann man ſagen, träͤgt, der Anlage und Beſtimmung nach, einen reinen, idealiſchen Menſchen in ſich, mit deſſen unveraͤnderlicher Einheit in allen ſeinen Abwechslungen übereinzuſtimmen die große Aufgabe ſeines Daſeyns iſt.* Dieſer reine Menſch, der ſich, mehr

* Ich beziehe mich hier auf eine kuͤrzlich erſchienene Schrift: Vorleſung über die Beſtimmung des Gelehrten, von meinem Freund Fichte, wo ſich eine ſehr lichtvolle und noch nie auf dieſem Wege verſuchte Ableitung dieſes Saßes findet.