Teil eines Werkes 
12 Band (1838)
Entstehung
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der Zeit, ſich nach einem Geſetzbuch für die äſthetiſche Welt umzuſehen, da die Angelegenheiten der moraliſchen ein ſo viel naͤheres Intereſſe darbieten, und der philoſophiſche Un⸗ terſuchungsgeiſt durch die Zeitumſtaͤnde ſo nachdrücklich auf⸗ gefordert wird, ſich mit dem vollkommenſten aller Kunſt⸗ werke, mit dem Bau einer wahren politiſchen Freiheit, zu beſchaͤftigen?

Ich möchte nicht gern in einem andern Jahrhundert leben und fuͤr ein anderes gearbeitet haben. Man iſt eben ſo gut Zeitbuͤrger, als man Staatsbuͤrger iſt; und, wenn es un⸗ ſchicklich, ja unerlaubt gefunden wird, ſich von den Sitten und Gewohnheiten des Cirkels, in dem man lebt, auszu⸗ ſchließen, warum ſollte es weniger Pflicht ſeyn, in der Wahl ſeines Wirkens dem Bedürfniß und dem Geſchmack des Jahrhunderts eine Stimme einzuraͤumen?

Dieſe Stimme ſcheint aber keineswegs zum Vortheil der Kunſt auszufallen, derjenigen wenigſtens nicht, auf welche allein meine Unterſuchungen gerichtet ſeyn werden. Der Lauf der Begebenheiten hat dem Genius der Zeit eine Richtung gegeben, die ihn je mehr und mehr von der Kunſt des Ideals zu entfernen droht. Dieſe muß die Wirkllichkeit verlaſſen und ſich mit anſtaͤndiger Kühnheit über das Beduͤrfniß erheben: denn die Kunſt iſt eine Tochter der Freiheit, und von der Nothwendigkeit der Geiſter, nichs von der Nothdurft der Materie will ſie ihre Vorſchrift empfangen. Jetzt aber herrſcht das Bedürfniß und beugt die geſunkene Menſchheit unter ſein tyranniſches Joch. Der Nutzen iſt das große Idol der Zeit, dem alle Krafte frohnen und alle Talente huldigen ſol⸗ len. Auf dieſer groben Wage hat das geiſtige Verdienſt der Kunſt kein Gewicht, und, aller Aufmunterung beraubt, ver⸗ ſchwindet ſie von dem larmenden Markt des Jahrhunderts.