Teil eines Werkes 
12 Band (1838)
Entstehung
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Was ich mir als eine Gunſt von Ihnen erbitten wollte, machen Sie großmüthiger Weiſe mir zur Pflicht und laſſen mir da den Schein eines Verdienſtes, wo ich bloß meiner Neigung nachgebe. Die Freiheit des Ganges, welche Sie mir vorſchreiben, iſt kein Zwang, vielmehr ein Bedürfniß für mich. Wenig geübt im Gebrauche ſchulgerechter Formen, werde ich kaum in Gefahr ſeyn, mich durch Mißbrauch der⸗ ſelben an dem guten Geſchmack zu verſündigen. Meine Ideen, mehr aus dem einförmigen Umgang mit mir ſelbſt als aus einer reichen Welterfahrung geſchöpft oder durch Lec⸗ türe erworben, werden ihren Urſprung nicht verleugnen, werden ſich eher jedes andern Fehlers als der Sectirerei ſchul⸗ dig machen und eher aus eigener Schwäche fallen, als durch Autorität und fremde Staͤrke ſich aufrecht erhalten.

Zwar will ich Ihnen nicht verbergen, daß es groͤßten⸗ theils Kantiſche Grundſätze ſind, auf denen die nachfolgenden Behauptungen ruhen werden; aber meinem Unvermögen, nicht jenen Grundſätzen ſchreiben Sie es zu, wenn Sie im Lauf dieſer Unterſuchungen an irgend eine beſondere philoſophiſche Schule erinnert werden ſollten. Nein, die Freiheit Ihres Geiſtes ſoll mir unverletzlich ſeyn. Ihre eigene Empfindung wird mir die Thatſachen hergeben, auf die ich baue; Ihre eigene freie Denkkraft wird die Geſetze dictiren, nach welchen verfahren werden ſoll.

Ueber diejenigen Ideen, welche in dem praktiſchen Theil des Kantiſchen Syſtems die herrſchenden ſind, ſind nur die Philoſophen entzweit, aber die Menſchen, ich getraue mir es zu beweiſen, von jeher einig geweſen. Man befreie ſie von ihrer techniſchen Form, und ſie werden als die verjährten Anſprüche der gemeinen Vernunft und als Thatſachen des moraliſchen Inſtinktes erſcheinen, den die weiſe Natur dem