Teil eines Werkes 
11. Band (1838)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

476

Stoff kann den Sinn afficiren, und Alles, was Form iſt, nur der Vernunft gefallen.

Das Schoͤne gefaͤllt zwar durch das Medium der Sinne, wodurch es ſich vom Guten unterſcheidet, aber es gefaͤllt durch ſeine Form der Vernunft, wodurch es ſich vom Angenehmen unterſcheidet. Das Gute, kann man ſagen, gefaͤllt durch die bloße vernunftgemaͤße Form, das Schoͤne durch vernunft⸗ aͤhnliche Form, das Angenehme durch gar keine Form. Das Gute wird gedacht, das Schoͤne betrachtet, das Angenehme bloß gefuͤhlt. Jenes gefaͤllt im Begriff, das zweite in der Anſchauung, das dritte in der materiellen Empfindung.

Der Abſtand zwiſchen dem Guten und dem Angenehmen fallt am meiſten in die Augen. Das Gute erweitert unſere Erkenntniß, weil es einen Begriff von ſeinem Object verſchafft und vorausſetzt; der Grund unſers Wohlgefallens liegt in dem Gegenſtand, wenn gleich das Wohlgefallen ſelbſt ein Zuſtand iſt, in dem wir uns befinden. Das Angenehme hingegen bringt gar kein Erkenntniß ſeines Objects hervor und gruͤndet ſich auch auf keines. Es iſt bloß dadurch angenehm, daß es em⸗ pfunden wird, und ſein Begriff verſchwindet gaͤnzlich, ſobald wir uns die Affectibilitaͤt der Sinne hinwegdenken oder ſie auch nur veraͤndern. Einem Menſchen, der Froſt empfindet, iſt eine warme Luft angenehm; eben dieſer Menſch aber wird in der Sommerhitze einen kuͤhlenden Schatten ſuchen. In beiden Faͤllen aber wird man geſtehen, hat er richtig geurtheilt. Das Objective iſt von uns voͤllig unabhaͤngig, und was uns heute wahr, zweckmaͤßig, vernuͤnftig vorkommt, wird uns(voraus⸗ geſetzt, daß wir heute richtig geurtheilt haben) auch in zwanzig Jahren eben ſo erſcheinen. Unſer Urtheil uͤber das Angenehme aͤndert ſich ab, ſo wie ſich unſere Lage gegen ſein Object ver⸗ aͤndert. Es iſt alſo keine Eigenſchaft des Objects, ſondern ent⸗