Teil eines Werkes 
11. Band (1838)
Entstehung
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die Martern der Sinnlichkeit verlaͤngern; aber auch dieſer muß er Befriedigungen zeigen, um jener den Sieg deſto ſchwerer und ruͤhmlicher zu machen. Beides iſt nur durch eine Reihe von Handlungen moͤglich, die mit weiſer Wahl zu dieſer Abſicht werbunden ſind.

Die Tragoͤdie iſt viertens poetiſche Nachahmung einer mit⸗ leidswuͤrdigen Handlung, und dadurch wird ſie der hiſtoriſchen entgegengeſetzt. Das Letztere wuͤrde ſie ſeyn, wenn ſie einen hiſtoriſchen Zweck verfolgte, wenn ſie darauf ausginge, von ge⸗ ſchehenen Dingen und von der Art ihres Geſchehens zu unter⸗ richten. In dieſem Falle muͤßte ſie ſich ſtreng an hiſtoriſche Richtigkeit halten, weil ſie einzig nur durch treue Darſtellung des wirklich Geſchehenen ihre Abſicht erreichte. Aber die Tra⸗ goͤdie hat einen poetiſchen Zweck, d. i. ſie ſtellt eine Handlung dar, um zu ruͤhren, und durch Ruͤhrung zu ergoͤtzen. Behan⸗ delt ſie alſo einen gegebenen Stoff nach dieſem ihrem Zwecke, ſo wird ſie eben dadurch in der Nachahmung frei; ſie erhaͤlt Macht, ja Verbindlichkeit, die hiſtoriſche Wahrheit den Geſetzen der Dichtkunſt unterzuordnen, und den gegebenen Stoff nach ihrem Beduͤrfniſſe zu bearbeiten. Da ſie aber ihren Zweck, die Ruͤh⸗ rung, nur unter der Bedingung der hoͤchſten Uebereinſtimmung mit den Geſetzen der Natur zu erreichen im Stande iſt, ſo ſteht ſie, ihrer hiſtoriſchen Freiheit unbeſchadet, unter dem ſtrengen Geſetz der Naturwahrheit, welche man im Gegenſatz von der hiſtoriſchen die poetiſche Wahrheit nennt. So laͤßt ſich begreifen, wie bei ſtrenger Beobachtung der hiſtoriſchen Wahr⸗ heit nicht ſelten die poetiſche leiden, und umgekehrt bei grober Verletzung der hiſtoriſchen die poetiſche nur um ſo mehr ge⸗ winnen kann. Da der tragiſche Dichter, ſo wie uͤberhaupt jeder Dichter, nur unter dem Geſetz der poetiſchen Wahrheit ſteht, ſo kann die gewiſſenhafteſte Beobachtung der hiſtoriſchen ihn nie