Teil eines Werkes 
11. Band (1838)
Entstehung
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Die Tragoͤdie iſt drittens Nachahmung einer vollſtaͤndigen Handlung. Ein einzelnes Ereigniß, wie tragiſch es auch ſeyn mag, gibt noch keine Tragoͤdie. Mehrere als Urſache und Wirkung in einander gegruͤndete Begebenheiten muͤſſen ſich mit einander zweckmaͤßig zu einem Ganzen verbinden, wenn die Wahrheit, d. i. die Uebereinſtimmung eines vorgeſtellten Affects, Charakters und dergleichen mit der Natur unſrer Seele, auf welche allein ſich unſre Theilnahme gruͤndet, erkannt werden ſoll. Wenn wir es nicht fuͤhlen, daß wir ſelbſt bei gleichen Umſtaͤnden eben ſo wuͤrden gelitten und eben ſo gehandelt ha⸗ ben, ſo wird unſer Mitleid nie erwachen. Es kommt alſo darauf an, daß wir die vorgeſtellte Handlung in ihrem ganzen Zuſammenhang verfolgen, daß wir ſie aus der Seele ihres Urhebers durch eine natuͤrliche Gradation unter Mitwirkung aͤußerer Umſtaͤnde hervorfließen ſehen. So entſteht und waͤchst und vollendet ſich vor unſern Augen die Neugier des Oedipus, die Eiferſucht des Othello. So kann auch allein der große Abſtand ausgefuͤllt werden, der ſich zwiſchen dem Frieden einer ſchuldloſen Seele und den Gewiſſensqualen eines Verbrechers, zwiſchen der ſtolzen Sicherheit eines Gluͤcklichen und ſeinem ſchrecklichen Unterzang, kurz, der ſich zwiſchen der ruhigen Gemuͤthsſtimmung des Leſers am Anfang und der heftigen Aufregung ſeiner Empfindungen am Ende der Handlung findet.

Eine Reihe mehrerer zuſammenhaͤngender Vorfaͤlle wird er⸗ fordert, einen Wechſel der Gemuͤthsbewegungen in uns zu erregen, der die Aufmerkſamkeit ſpannt, der jedes Vermoͤgen unſers Geiſtes aufbietet, den ermattenden Thaͤtigkeitstrieb er⸗ muntert, und durch die verzoͤgerte Befriedigung ihn nur deſto heftiger entflammt. Gegen die Leiden der Sinnlichkeit findet das Gemuͤth nirgends als in der Sittlichkeit Huͤlfe. Dieſe alſo deſto dringender aufzufordern, muß der tragiſche Kuͤnſtler