Teil eines Werkes 
11. Band (1838)
Entstehung
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welchem wir eilen uns zu befreien, und allzu leicht verſchwindet die zum Mitleid ſo unentbehrliche Taͤuſchung. Das Gemuͤth muß alſo an dieſe Vorſtellungen gewaltſam gefeſſelt und der Freiheit beraubt werden, ſich der Taͤuſchung zu fruͤhzeitig zu entreißen. Die Lebhaftigkeit der Vorſtellungen und die Staͤrke der Eindruͤcke, welche unſre Sinnlichkeit uͤberfallen, iſt dazu allein nicht hinreichend; denn je heftiger das empfangende Ver⸗ moͤgen gereizt wird, deſto ſtaͤrker aͤußert ſich die ruͤckwirkende Kraft der Seele, um dieſen Eindruck zu beſiegen. Dieſe ſelbſt⸗ thaͤtige Kraft aber darf der Dichter nicht ſchwaͤchen, der uns ruͤhren will; denn eben im Kampfe derſelben mit dem Leiden der Sinnlichkeit liegt der hohe Genuß, den uns die traurigen Nuͤhrungen gewaͤhren. Wenn alſo das Gemuͤth, ſeiner wider⸗ ſtrebenden Selbſtthaͤtigkeit ungeachtet, an die Empfindungen des Leidens geheftet bleiben ſoll, ſo muſſen dieſe periodenweiſe ge⸗ ſchickt unterbrochen, ja von entgegengeſetzten Empfindungen ab⸗ geloͤst werden— um alsdann mit zunehmender Staͤrke zurück⸗ zukehren und die Lebhaftigkeit des erſten Eindrucks deſto oͤfter zu erneuern. Gegen Ermattung, gegen die Wirkungen der Gewohnheit iſt der Wechſel der Empfindungen das kraͤftigſte Mittel. Dieſer Wechſel friſcht die erſchoͤpfte Sinnlichkeit wieder an, und die Gradation der Eindruͤcke weckt das ſelbſtthaͤtige Vermoͤgen zum verhaͤltnißmaͤßigen Widerſtand. Unaufhoͤrlich muß dieſes geſchaͤftig ſeyn, gegen den Zwang der Sinnlichkeit ſeine Freiheit zu behaupten, aber nicht fruͤher als am Ende den Sieg erlangen, und noch weit weniger im Kampf unter⸗ liegen; ſonſt iſt es im erſten Falle um das Leiden, im zweiten um die Thaͤtigkeit gethan, und nur die Vereinigung von bei⸗ den erweckt ja die Ruͤhrung. In der geſchickten Fuͤhrung die⸗ ſes Kampfes beruht eben das große Geheimniß der tragiſchen Kunſt; da zeigt ſie ſich in ihrem glaͤnzendſten Lichte.