Teil eines Werkes 
11. Band (1838)
Entstehung
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weder Willen haben, noch einem Willen unterworfen ſind, ſo iſt das Mitleid reiner, und wird zum wenigſten durch keine Vor⸗ ſtellung moraliſcher Zweckwidrigkeit geſchwaͤcht. Aber dann kann dem theilnehmenden Zuſchauer das unangenehme Gefuͤhl einer Zweckwidrigkeit in der Natur nicht erlaſſen werden, welche in dieſem Fall allein die moraliſche Zweckmaͤßigkeit retten kann. Zu einem weit hoͤhern Grad ſteigt das Mitleid, wenn ſowohl derjenige, welcher leidet, als derjenige, welcher Leiden verurſacht, Gegenſtaͤnde desſelben werden. Dieß kann nur dann geſchehen, wenn der Letztere weder unſern Haß noch unſere Verachtung erregt, ſondern wider ſeine Neigung dahin gebracht wird, Ur⸗ heber des Ungluͤcks zu werden. So iſt es eine vorzuͤgliche Schoͤnheit in der deutſchen Iphigenia, daß der Tauriſche Koͤnig, der Einzige, der den Wuͤnſchen Oreſts und ſeiner Schweſter im Wege ſteht, nie unſere Achtung verliert, und uns zuletzt noch Liebe abnoͤthigt.

Dieſe Gattung des Ruͤhrenden wird noch von derjenigen uͤbertroffen, wo die Urſache des unglücks nicht allein nicht der Moralitaͤt widerſprechend, ſondern ſogar durch Moralitaͤt allein moͤlich iſt, und wo das wechſelſeitige Leiden bloß von der Vor⸗ ſtellung herruͤhrt, daß man Leiden erweckte. Von dieſer Art iſt die Situation Ximenens und Roderichs im Cid des Peter Corneille; unſtreitig, was die Verwicklung betrifft, dem Mei⸗ ſterſtuͤck der tragiſchen Buͤhne. Ehrliebe und Kindespflicht be⸗ waffnen Roderichs Hand gegen den Vater ſeiner Geliebten, und Tapferkeit macht ihn zum Ueberwinder desſelben; Ehrliebe und Kindespfticht erwecken ihm in Ximenen, der Tochter des Er⸗ ſchlagenen, eine furchtbare Anklaͤgerin und Verfolgerin. Beide handeln ihrer Neigung entgegen, welche vor dem Ungluͤck des verfolgten Gegenſtandes eben ſo aͤngſtlich zittert, als eifrig ſie die moraliſche Pflicht macht, dieſes Ung uͤck herbeizurufen.