Teil eines Werkes 
11. Band (1838)
Entstehung
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herrſchenden Affect, und jedes andere Gefuͤhl muß ihm weichen. So ſchwaͤcht es jederzeit unſern Antheil, wenn ſich der Un⸗ gluͤckliche, den wir bemitleiden ſollen, aus eigener unverzeih⸗ licher Schuld in ſein Verderben geſtuͤrzt hat, oder ſich auch aus Schwaͤche des Verſtandes und aus Kleinmuth nicht, da er es doch koͤnnte, aus demſelben zu ziehen weiß. Unſerm Antheil an dem unglüͤcklichen, von ſeinen undankbaren Toͤchtern miß⸗ handelten Lear ſchadet es nicht wenig, daß dieſer kindiſche Alte ſeine Krone ſo leichtſinnig hingab, und ſeine Liebe ſo unver⸗ ſtaͤndig unter ſeinen Toͤchtern vertheilte. In dem Kronegk'ſchen Trauerſpiel Olint und Sophronia kann ſelbſt das fuͤrchterlichſte Leiden, dem wir dieſe beiden Martyrer ihres Glaubens ausge⸗ ſetzt ſehen, unſer Mitleid, und ihr erhabener Heroismus unſere Bewunderung nur ſchwach erregen, weil der Wahnſinn allein eine Handlung begehen kann, wie diejenige iſt, wodurch Olint ſich ſelbſt und ſein ganzes Volk an den Nand des Verderbens fuͤhrte.

Unſer Mitleid wird nicht weniger geſchwaͤcht, wenn der Ur⸗ heber eines Ungluͤcks, deſſen ſchuldloſe Opfer wir bemitleiden ſollen, unſere Seele mit Abſcheu erfuͤllt. Es wird jederzeit der hoͤchſten Vollkommenheit ſeines Werks Abbruch thun, wenn der tragiſche Dichter nicht ohne einen Boͤſewicht auskommen kann, und wenn er gezwungen iſt, die Groͤße des Leidens von der Groͤße der Bosheit herzuleiten. Shakſpeare's Jago und Lady Macbeth, Cleopatra in der Roxolane, Franz Moor in den Raͤubern zeugen fuͤr dieſe Behauptung. Ein Dichter, der ſich auf ſeinen wahren Vortheil verſteht, wird das Ungluͤck nicht durch einen boͤſen Willen, der Ungluͤck beabſichtet, noch viel weniger durch einen Mangel des Verſtandes, ſondern durch den Zwang der Umſtaͤnde herbeiführen. Entſpringt dasſelbe nicht aus moraliſchen Quellen, ſondern von aͤußerlichen Dingen, die