Teil eines Werkes 
10. Band (1838)
Entstehung
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Thales von Milet und mit Croͤſus erzaͤhlt wird, iſt zu bekannt, um hier noch wiederholt zu werden. Bei ſeiner Zuruͤckkunft nach Athen fand er den Staat von drei Parteien zerruͤttet, welche zwei gefaͤhrliche Maͤnner, Megakles und Piſiſtratus, zu Anfuͤhrern hatten. Megakles machte ſich maͤchtig und furcht⸗ bar durch ſeinen Reichthum, Piſiſtratus durch ſeine Staats⸗ klugheit und ſein Genie. Dieſer Piſiſtratus, Solons ehe⸗ maliger Liebling und der Julius Caͤſar von Athen, erſchien einſtmals bleich, auf ſeinem Wagen ausgeſtreckt, vor der Volks⸗ verſammlung, und beſpritzt mit dem Blut einer Wunde, die er ſich ſelbſt in den Arm geritzt hatte. So, ſagte er, haben mich meine Feinde um euretwillen mißhandelt. Mein Leben iſt in ewiger Gefahr, wenn ihr nicht Anſtalten trefft, es zu ſchuͤzen. Alsbald trugen ſeine Freunde, wie er ſie ſelbſt unter⸗ richtet hatte, darauf an, daß ihm eine Leibwache gehalten wurde, die ihn begleiten ſollte, ſo oft er oͤffentlich ausging. Solon errieth den betruͤgeriſchen Sinn dieſes Vorſchlags, und ſetzte ſich eifrig, aber fruchtlos dagegen. Der Vorſchlag ging durch. Piſiſtratus erhielt eine Leibwache, und nicht ſobald ſah er ſich an ihrer Spitze, als er die Citadelle von Athen in Beſitz nahm. Jetzt fiel die Decke von den Augen des Volks, aber zu ſpaͤt. Der Schrecken ergriff Athen; Megakles und ſeine An⸗ haͤnger entwichen aus der Stadt und uͤberließen ſie dem Uſur⸗ pator. Solon, der ſich allein nicht hatte taͤuſchen laſſen, war jetzt auch der Einzige, der den Muth nicht verlor; ſo viel er angewandt hatte, ſeine Mitbuͤrger von ihrer Uebereilung zuruͤck zu halten, als es noch Zeit war, ſo viel wandte er jetzt an, ihren ſinkenden Muth zu beleben. Als er nirgends Eingang fand, ging er nach Hauſe, legte ſeine Waffen vor ſeine Hausthuͤr und rief:Nun hab' ich gethan, was ich konnte, zum Beſten des Vaterlandes. Er dachte auf keine Flucht, ſondern fuhr fort, Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. 4 51