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— ſeine Tugend. Eine Krone von Oelzweigen, eine Inſchrift auf einer Saͤule, die ſein Verdienſt ankuͤndigte, war ihm ein feurigerer Sporn zu großen Thaten, als dem Perſer alle Schaͤtze des großen Koͤnigs. So ſehr das athenienſiſche Volk ſeinen Undank uͤbertrieb, ſo ausſchweifend war es wieder in ſeiner Dankbarkeit. Von einem ſolchen Volke im Triumph aus der Verſammlung heimbegleitet zu werden, es auch nur Einen Tag zu beſchaͤftigen, war ein hoͤherer Genuß fuͤr die Ruhmſucht des Athenienſers, und auch ein wahrerer Genuß,⸗ als ein Monarch ſeinem geliebteſten Sklaven gewaͤhren kann; denn es iſt ganz etwas Anderes, ein ganzes ſtolzes, zartempfin⸗ dendes Volk zu ruͤhren, als einem einzigen Menſchen zu ge⸗ fallen. Der Athenienſer mußte in immerwaͤhrender Bewegung ſeyn; unaufhoͤrlich haſchte ſein Sinn nach neuen Eindruͤcken, neuen Genuͤſſen. Dieſer Sucht nach Neuheit mußte man taͤg⸗ lich neue Nahrung reichen, wenn ſie ſich nicht gegen den Staat ſelbſt kehren ſollte. Darum rettete ein Schauſpiel, das man zu rechter Zeit gab, oft die oͤffentliche Ruhe, welche der Auf⸗ ruhr bedrohte— darum hatte oft ein Uſurpator gewonnen Spiel, wenn er nur dieſem Hange des Volks durch eine Reihe von Luſtbarkeiten opferte. Aber eben darum wehe dem ver⸗ dienteſten Buͤrger, wenn er die Kunſt nicht verſtand, taͤglich neu zu ſeyn und ſein Verdienſt zu verjuͤngen!
Der Abend von Solons Leben war nicht ſo heiter, als ſein Leben es verdient haͤtte. Um den Zudringlichkeiten der Athe⸗ nienſer zu entgehen, die ihn taͤglich mit Fragen und Vor⸗ ſchlaͤgen heimſuchten, machte er, ſobald ſeine Geſetze im Gange waren, eine Reiſe durch Kleinaſien, nach den Inſeln und nach Aegypten, wo er ſich mit den Weiſeſten ſeiner Zeit beſprach, den koͤniglichen Hof des Croͤſus in Lydien, und den zu Sais
in Aegypten beſuchte. Was von ſeiner Zuſammenkunft mit


