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Seine Sklaven behandelte er menſchlich, und der mißhandelte Knecht durfte ſeinen Tyrannen verklagen. Selbſt die Thiere erfuhren die Großmuth dieſes Volks; nach vollendetem Bau des Tempels Hecatonpedon wurde verordnet, alle Laſtthiere, welche dabei geſchaͤftig geweſen, frei zu laſſen und auf ihr gan⸗ zes kuͤnftiges Leben auf den beſten Weiden umſonſt zu er⸗ naͤhren. Eins dieſer Thiere kam nachher von freien Stuͤcken zur Arbeit, und lief mechaniſch vor den uͤbrigen her, welche Laſten zogen. Dieſer Anblick ruͤhrte die Athenienſer ſo ſehr, daß ſie verordneten, dieſes Thier auf Unkoſten des Staats ins⸗ zuͤnftige beſonders zu unterhalten. Indeſſen bin ich es der Gerechtigkeit ſchuldig, auch die Fehler der Athenienſer nicht zu verſchweigen, denn die Ge⸗ ſchichte ſoll keine Lobrednerin ſeyn. Dieſes Volk, das wir ſeiner feinen Sitten, ſeiner Sanftmuth, ſeiner Weisheit wegen be⸗ wundert haben, befleckte ſich nicht ſelten mit dem ſchaͤndlichſten Undank gegen ſeine groͤßten Maͤnner, mit Grauſamkeit gegen ſeine uͤberwundenen Feinde. Durch die Schmeicheleien ſeiner Red⸗ ner verdorben, trotzig auf ſeine Freiheit und auf ſo viele glaͤnzende Vorzuͤge eitel, druͤckte es ſeine Bundesgenoſſen und Nachbarn oft mit unertraͤglichem Stolze, und ließ ſich bei oͤffentlichen Berathſchlagungen von einem leichtſinnigen Schwindelgeiſt leiten, der oft die Bemuͤhungen ſeiner weiſeſten Staatsmaͤnner zu nichte machte, und den Staat an den Rand des Verderbens riß. Jeder einzelne Athenienſer war lenkſam und weichmuͤthig; aber in oͤffentlichen Verſammlungen war er der vorige Mann nicht mehr. Daher ſchildert uns Ariſtophanes ſeine Landsleute als vernuͤnftige Greiſe zu Hauſe und als Narren in Verſamm⸗ lungen. Die Liebe zum Ruhme und der Durſt nach Neuheit beherrſchte ſie bis zur Ausſchweifung; an den Ruhm ſeßzte der Athenienſer oft ſeine Gluͤcksguͤter, ſein Leben und nicht ſelten


