Teil eines Werkes 
10. Band (1838)
Entstehung
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den Lykurgus ſieht man nichts als Tyrannei und ihr ſchreck⸗ liches Gegentheil, die Knechtſchaft, die ihre Ketten ſchuͤttelt und dem Urheber ihres Elends flucht.

Der Charakter eines ganzen Volks iſt der treueſte Abdruck ſeiner Geſetze, und alſo auch der ſicherſte Richter ihres Werths oder Unwerths. Beſchraͤnkt war der Kopf des Spartaners und unempfindlich ſein Herz. Er war ſtolz und hochfahrend gegen ſeine Bundesgenoſſen, hart gegen ſeine Ueberwunde⸗ nen, unmenſchlich gegen ſeine Sklaven und knechtiſch gegen ſeine Obern; in ſeinen Unterhandlungen war er ungewiſſen⸗ haft und treulos, in ſeinen Entſcheidungen deſpotiſch, und ſeiner Groͤße, ſeiner Tugend ſelbſt fehlte es an der gefaͤlli⸗ gen Anmuth, welche allein die Herzen gewinnt. Der Athenienſer hingegen war weichmuͤthig und ſanft im Um⸗ gang, hoͤflich, aufgeweckt im Geſpraͤch, leutſelig gegen den Geringen, gaſtfrei und gefaͤllig gegen den Fremden. Er liebte zwar Weichlichkeit und Putz, aber dieß hinderte nicht, daß er im Treffen nicht wie ein Loͤwe kaͤmpfte. Gekleidet in Purpur und mit Wohlgeruͤchen geſalbt, brachte er die Mil⸗ lionen des Perxes und die rauhen Spartaner auf gleiche Weiſe zum Zittern. Er liebte die Vergnuͤgungen der Tafel, und konnte nur ſchwer dem Reiz der Wolluſt widerſtehen; aber

Voͤllerei und ſchamloſes Betragen machten ehrlos in Athen;

Delicateſſe und Wohlanſtaͤndigkeit wurden bei keinem Volke des Alterthums ſo getrieben als bei dieſem; in einem Kriege mit dem macedoniſchen Philipp hatten die Athenienſer einige Briefe dieſes Koͤnigs aufgefangen, unter denen auch einer an ſeine Gemahlin war; die uͤbrigen alle wurden geoͤffnet, dieſen einzigen ſchickten ſie unerbrochen zuruͤck. Der Athenienſer war großmuͤthig im Gluͤck, und im Ungluͤck ſtandhaft dann koſtete es ihn nichts, fuͤr das Vaterland Alles zu wagen.