Teil eines Werkes 
10. Band (1838)
Entstehung
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aus den Augen verlor: ſich ſelbſt die Geſetze zu geben, denen man gehorchen ſoll, und die Pflichten des Buͤrgers aus Einſicht und aus Liebe zum Vaterlande, nicht aus ſklaviſcher Furcht vor der Strafe, nicht aus blinder und ſchlaffer Ergebung in den Willen eines Obern, zu erfuͤllen.

Schoͤn und trefflich war es von Solon, daß er Achtung hatte fuͤr die menſchliche Natur, und nie den Menſchen dem Staate, nie den Zweck dem Mittel aufopferte, ſondern den Staat dem Menſchen dienen ließ. Seine Geſetze waren laxe Baͤnder, an denen ſich der Geiſt der Buͤrger frei und leicht nach allen Richtungen bewegte, und nie empfand, daß ſie ihn lenkten; die Geſetze des Lykurgus waren eiſerne Feſſeln, an denen der kuͤhne Muth ſich wund rieb, die durch ihr druͤckendes Gewicht den Geiſt niederzogen. Alle moͤglichen Bahnen ſchloß der athenien⸗ ſiſche Geſetzgeber dem Genie und dem Fleiß ſeiner Buͤrger auf; der ſpartaniſche Geſetzgeber vermauerte den ſeinigen alle bis auf eine einzige das politiſche Verdienſt. Lykurgus befahl den Muͤßiggang durch Geſetze, Solon ſtrafte ihn ſtreng. Dar⸗ um reiften in Athen alle Tugenden, bluͤhten alle Gewerbe und Kuͤnſte, regten ſich alle Sehnen des Fleißes; darum wurden alle Felder des Wiſſens dort bearbeitet. Wo findet man in Sparta einen Sokrates, einen Thucydides, einen Sophokles und Plato? Sparta konnte nur Herrſcher und Krieger, keine Kuͤnſtler, keine Dichter, keine Denker, keine Weltbuͤrger erzeugen. Beide, Solon wie Lykurg, waren große Maͤnner, beide waren rechtſchaffene Maͤnner, aber wie verſchieden haben ſie gewirkt, weil ſie von entgegengeſetzten Principien ausgin⸗ gen. Um den athenienſiſchen Geſetzgeber ſteht die Freiheit und die Freude, der Fleiß und der Ueberfluß ſtehen alle Kuͤnſte und Tugenden, alle Grazien und Muſen herum, ſehen dankbar zu ihm auf, und nennen ihn ihren Vater und Schoͤpfer. Um