Teil eines Werkes 
10. Band (1838)
Entstehung
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So viel von den buͤrgerlichen und politiſchen Anordnungen Solons; aber darauf allein ſchraͤnkte ſich dieſer Geſetzgeber nicht ein. Es iſt ein Vorzug, den die alten Geſetzgeber vor den neuern haben, daß ſie ihre Menſchen den Geſetzen zubilden, die ſie ihnen ertheilen, daß ſie auch die Sittlichkeit, den Charakter, den geſellſchaftlichen umgang mitnehmen, und den Buͤrger nie von dem Menſchen trennen, wie wir. Bei uns ſtehen die Ge⸗ ſetze nicht ſelten in directem Widerſpruche mit den Sitten. Bei den Alten ſtanden Geſetze und Sitten in einer viel ſchoͤnern Harmonie. Ihre Staatskoͤrper haben daher auch eine ſo le⸗ bendige Waͤrme, die den unſrigen ganz fehlt; mit unzerſtoͤr⸗ baren Zuͤgen war der Staat in die Seelen der Buͤrger ge⸗ graben.

Indeſſen muß man auch hier in Anpreiſung des Alterthums

ſehr behutſam ſeyn. Faſt durchgaͤngig kann man behaupten,

daß die Abſichten der alten Geſetzgeber weiſe und lobenswuͤr⸗

dig waren, daß ſie aber in den Mitteln fehlten. Dieſe Mittel

zeugen oft von unrichtigen Begriffen und einer einſeitigen Vor⸗

ſtellungsart. Wo wir zu weit zuruͤckbleiben, eilten ſie zu weit vor. Wenn unſere Geſetzgeber Unrecht gethan haben, daß ſie moraliſche Pflichten und Sitten ganz vernachlaͤſſigten, ſo hatten die Geſetzgeber der Griechen darin Unrecht, daß ſie moraliſche Pflichten mit dem Zwange der Geſetze einſchaͤrften. Zur mo⸗ raliſchen Schoͤnheit der Handlungen iſt Freiheit des Willens die erſte Bedingung, und dieſe Freiheit iſt dahin, ſobald man moraliſche Tugend durch geſetzliche Strafen erzwingen will. Das edelſte Vorrecht der menſchlichen Natur iſt, ſich ſelbſt zu beſtimmen, und das Gute um des Guten willen zu thun. Kein buͤrgerliches Geſetz darf Treue gegen den Freund, Großmuth gegen den Feind, Dankbarkeit gegen Vater und Mutter zwangs⸗ maͤßis gebieten; denn ſobald es dieſes thut, wird eine freie